Bahn machte Dampf

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Zug um Zug: Vor genau 150 Jahren wurde die Eisenbahnstrecke Berlin-Görlitz über KW in Betrieb genommen

Was für ein Rummel jetzt um den Neubau der Bahnstrecke zwischen Berlin und München! Keine 30 Jahre, nur 26 dauerte der! Und es gibt täglich Überraschungen wie Pannen im Zugverkehr. Es ging schon mal besser. Da machte die Bahn noch wirklich Dampf. Keine zehn Jahre dauerte es vor gut 150 Jahren, die Eisenbahnstrecke von Berlin nach Görlitz über KW von der Planung an fertigzustellen. Vor genau 150 Jahren, am 31. Dezember 1867, wurde der durchgängige Eisenbahnbetrieb zwischen beiden Städten aufgenommen. Ohne Zugpannen.

Der Bau von Eisenbahnstrecken hat das Leben in Deutschland geprägt. Ein breites Netz von Schienensträngen und Bahnhöfen durchzieht unser Land, so auch auf der Strecke Berlin-Görlitz seit eben nunmehr 150 Jahren.

Die erste mit Lokomotiven betriebene Eisenbahn in Deutschland, die Ludwigseisenbahn, nahm am 7. Dezember 1835 zwischen Nürnberg und Fürth den öffentlichen Personenverkehr auf. Sie hatte die bis heute übliche Spurweite von 1435 mm (Normalspur). Am 11. Juni 1836 kam es erstmals zu einem vorerst einmaligen und wichtigen Gütertransport: zwei Fässer Bier in der dritten Klasse. Die Berlin-Görlitzer Linie ist dem im Frühsommer 1866 beschleunigten Ausbau der Strecke infolge des Preußisch-Österreichischen Krieges geschuldet. Doch die Soldaten marschierten zu Fuß. Auf der Strecke konnten dann in den Folgejahren Schlesische Steinkohle, Niederlausitzer Braunkohle, Baumaterialien oder landwirtschaftliche Produkte nach Berlin transportiert werden. Und betuchte Berliner Ausflügler ins Riesengebirge als aufstrebendes Urlaubsgebiet.

Als die Gesamtstrecke am 31. Dezember 1867 eröffnet wurde, dauerte die Fahrt per Eisenbahn von Berlin nach Görlitz knapp sechs Stunden. Schon ein Jahr zuvor war der erste Teilabschnitt Berlin-Cottbus in Betrieb gegangen, nämlich am 13. September 1866. Mit diesem Tag bestand eine durchgängige Eisenbahnverbindung von Berlin ins südwestliche nun ziemlich gut zu erreichende Schlesien. Der Berliner Ausgangsbahnhof in Kreuzberg am Lausitzer Platz erhielt die Bezeichnung „Görlitzer Bahnhof“. Die Strecke in Richtung Südosten überquerte die Elsenstraße in Treptow, führte weiter am Plänterwald vorbei, über Baumschulenweg, Schöneweide, Adlershof, Grünau in Richtung Königs Wusterhausen. Bis zum Endziel hielt der Zug an 27 Stationen. Am Eröffnungstag der Strecke startete der erste Zug um 8.35 Uhr und kam um 1.41 Uhr nachmittags in Görlitz an. 70 Jahre später brauchte ein Eilzug immer noch fast vier Stunden – auch zu DDR-Zeiten. Nach Zittau fast sechs.

Als am 31. Dezember 1867 der erste Zug in den Mittagstunden Görlitz erreichte, war die Stadt schon fast 20 Jahre lang an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Seit 1847 fuhren bereits Eisenbahnen von Dresden nach Görlitz. Der Plan zum Bau einer Eisenbahnstrecke von Berlin durch die Lausitz entstand schon in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Sie sollte über Cottbus, Görlitz nach Brünn (Brno) und weiter nach Wien führen. Dazu kam es allerdings nicht, weil Sachsen vertraglich mit Österreich vereinbart hatte, eine Bahnverbindung von Zittau nach Reichenberg nur über sächsisches Gebiet zu bauen. Somit reifte die Absicht, eine eigene zentrale Strecke von Berlin in die Hauptstadt der Oberlausitz, Görlitz, anzustreben. Dafür setzten sich besonders Unternehmen in der Niederlausitz ein, um eine Bahnanbindung zu erreichen. 1858 billigte Preußen das Projekt. Der Bau der Strecke begann wenig später; zunächst bis Cottbus. Im September 1866 erfolgte die Betriebsaufnahme, die sich aufgrund des Deutsch-Dänischen Krieges um Schleswig-Holstein (1864) verzögert hatte. 1867 war dann das zweite Teilstück fertiggestellt, so dass die ersten Züge von Berlin nach Görlitz und von Görlitz nach Berlin vom 31. Dezember 1867 an rollen konnten.

Viele kleine Städte und Gemeinden verdanken ihren wirtschaftlichen Aufschwung Zug um Zug in der bisher schwach entwickelten Region der Anbindung an dieses regional bedeutsame Schienennetz Berlin-Görlitz. Dies sollte sich aber erst viele Jahre später bemerkbar machen. Der überwiegend regionalen Bedeutung der Berlin-Görlitzer Eisenbahn verdanken viele Gemeinden an dieser Strecke wie Grünau, Schmöckwitz, Eichwalde, Zeuthen, Wildau und Königs Wusterhausen erst ihren wirtschaftlichen Aufschwung. So entstanden in der Folgezeit größere gewerbliche Ansiedlungen entlang der Bahnstrecke.

Für die Gemeinden am Rande von Berlin brachte die Bahn eine schnelle Anbindung an die sich entwickelnde Industriemetropole Berlin und einen starken Anstieg der Einwohnerzahlen und der Sommergäste. Neben der Wirtschaft profitierten auch der Tourismus und das Hotel- und Gaststättengewerbe.

1881 schließlich ging die Berlin-Görlitzer Eisenbahn in das Eigentum des preußischen Staates über und wurde von nun an durch die Königliche Eisenbahndirektion Berlin verwaltet. Auch am Berliner Vorort Zeuthen, am Eisenbahn-Kilometer 21,6, hielt ab 1871 der Zug. So lange, wie der Ort noch nicht an das Berliner S-Bahn-Netz angeschlossen war. Bis 1951 gab es  in Zeuthen diesen Fernverkehrsanschluss. In den ersten Nachkriegsjahren verkehrten auf dieser Eisenbahnstrecke, vom Görlitzer Bahnhof kommend, nur Vorortzüge bis Königs Wusterhausen. Am 29. April 1951 fuhren die letzten, denn am nächsten Tag ging die elektrifizierte S-Bahn nach KW – das da auch schon Fernbahnhof war – in Betrieb. Mit dem Bau der Mauer 1961 begann das Streckennetz der Berlin-Görlitzer Eisenbahn in Schöneweide und der einstige Vorortbahnhof war bis 1989 Fernbahnhof, wo Züge nicht nur nach Görlitz und Zittau abfuhren.

In den zurückliegenden Jahren wurde der Berliner Abschnitt erneuert, und nun verkehren wieder Züge auf der alten Berlin-Görlitzer Eisenbahn, vom neuen Regionalbahnhof Ostkreuz kommend, aber nur bis Cottbus bzw. Senftenberg. Nach wie vor ist KW mit seiner eingleisigen Engfahrstelle nach dem kriegsreparationsbedingten Abbau des zweiten Fernbahngleises eine Fahrplanengstelle für Personen- wie Güterzüge. Erst in den kommenden Jahren soll diese „weg-gebaut“ werden. Bislang stand das trotz mannigfaltiger Forderungen nicht mal im Bundesverkehrswegeplan.

Im Berliner Umland wird die Strecke immer noch „Berlin-Görlitzer Eisenbahn“ genannt, auch wenn es gegenwärtig keine durchgängige Bahnverbindung mehr gibt und auf absehbare Zeit nicht mehr geben wird. Auch eine Elektrifizierung des Abschnitts Cottbus-Görlitz, die die ansässige Lausitzer Industrie fordert, ist vorerst nicht in Sicht, so das Bundesverkehrs­ministerium.

Im Oktober präsentierten die Heimatfreunde Zeuthen e. V. und befreundete Modelleisenbahner die 1867 eingeweihte Strecke als Modell. Im Eichwalder Kulturzentrum Alte Feuerwache in der Bahnhofstraße 79 ist noch bis Ende Januar die Ausstellung „Die Berlin-Görlitzer Eisenbahn und der Bahnhof Eichwalde“ zu sehen. Der Ortschronist Wolfgang Flügge sowie die Regionalforscher Burkhard Fritz, Volker Panecke und Winfried Rosol haben sich dieses Themas  angenommen. Eine Zugreise in die Geschichte unserer Region.

Ulrich Rochow, Wolfhard 

Besser/F: Ortsarchiv Eichwalde;
Stadtbild Görlitz

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