Erwidert: „Angemarkt“ vom 1. November

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Das „Angemarkt“ vom 1. November „Lasst die Kirche im Dorf“ provozierte zu zahlreichen Lesermeinungen. Wie die folgenden.

Zu dem Artikel zu ANGEMARKT kann ich Mark Brandenburger nur gratulieren. Endlich mal eine Stimme zu diesen in letzter Zeit übertriebenen Sexismusdiskussionen. Die “echten” sexistischen Übergriffe werden durch diese Banalitäten (schöne, junge Frau, etc. ) überlagert. Bernd Pinnekamp

Meist nehme ich die Glossen von Mark Brandenburger mit einem Schmunzeln wahr. Fast nie rege ich mich auf. Doch diesmal liegt der Herr Brandenburger herrlich daneben, so dass der Ärger mich zur Tastatur greifen lässt. Bevor ich mich zum Thema ‚Sexismus’ in der Angelegenheit der Staatssekretärin äußere, eine Vorbemerkung. Ein Diplomat, dem es in der angesprochenen Situation nicht gelingt, einen angemessenen Übergang von seiner durch fehlende Vorbereitung verursachten Unfähigkeit, Frau Chebli zu erkennen, zu einer herzliche Begrüßung zu schaffen, ist kein Diplomat. Das weiß der Botschafter a.D., er hat sich sicherlich ausreichend über seinen Fauxpas geärgert. Nun zum Thema: was hätte Mark Brandenburger geschrieben, wenn der Botschafter a.D. einen Kanzleramtsminister, nachdem er ihn nicht erkannt hat, mit „“Ich habe keinen so alten Herrn erwartet. Und dann sind sie auch noch – um es höflich auszudrücken – so wohlgenährt.” begrüßt hätte? Eine Seite des Fauxpas wird allein durch diese Vorstellung klar: er ist erst einmal unhöf­lich, die eigene diplomatische Unfähigkeit durch ein Kompliment zum Verschwinden bringen zu wollen. Warum haben diese als Kompliment gemeinten Worte im Falle von Frau Chebli etwas mit Sexismus zu tun? Sexismus transportiert unberechtigte Vorbehalte gegenüber dem anderen Geschlecht, um seine Möglichkeit einer gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft zu hintertreiben. Zugegeben, an dieser Möglich­keit werden Frauen viel viel öfters gehindert als Männer. Im Falle  der hier zur Diskussion stehenden Äußerung (‚so …junge … so …..schöne ….Frau) wird nicht nur ein verunglücktes Kompliment transportiert, sondern auch das Vorurteil, dass es nur junge Frauen gibt, die schön sind und junge und angenehm anzuschauende Frauen als Staatssekretärinnen eh nicht normal sind. (Achtung: Doppeldeutigkeit!) Und das sind Vorurteile, die am Geschlecht festgemacht werden: richtige Frauen sind jung und schön. Dabei wird von einigen noch eine Ergänzung gedacht: „Jung und schön muss reichen, mehr braucht’s für eine Frau nicht.“ Reicht nicht. Bis auf wenige Eigenschaften (z.b. Kinder kriegen z.Z. 100% bei Frauen verortet, z.B. schwer kriminelles Verhalten geschieht, wenn es stattfindet, in mehr als 90% der Fälle durch Männer u.ä.m) sind Frau und Mann sehr ähnlich, so dass die unterschiedliche Teilhabe nicht mit diesen Unterschieden erklärt werden kann. Die sexistischen Vorurteile sind also falsch wie alle Vorurteile. Und sie sind ein Teil der Ursache, warum Frauen im Durchschnitt noch zu selten wichtige Rollen in der Gesellschaft spielen.

Was wäre gewesen, wenn der Diplomat gesagt hätte: „Jetzt rächt sich, dass ich mich nicht ausreichend vorbereiten konnte. So habe ich Sie nicht erkannt. Ich schäme mich und bitte sie vielmals um Entschuldigung. Ich freue mich, Sie dem Auditorium vorzustellen und bitte Sie herzlich, trotz meines Fauxpas, die einführenden Worte zu sprechen.“

Cornelius Frömmel

Anmerkung: 

Genau darum, was Herr Pinnekamp schreibt, ging es mir: Es gibt Sexismus, der mit aller Härte angezeigt werden muss  – und es gibt irrationale Debatten. Wenn schon ein Kompliment auf jugendliches Aussehen und Schönheit, ein schönes Kleid oder ein Gedicht, das die Frauen preist, als sexistische Herabwürdigung gilt – dann frage ich mich: Geht’s noch?! Welches Kompliment ist dann noch erlaubt?! Kann man ein Kompliment nicht als solches begreifen? Man kann Sexismus auch herbeireden.  Wirklich: Lasst die Kirche im Dorf! Im Übrigen: Ich fühle mich auch sexistisch belästigt – von Frauen! Erst neulich sagte eine junge Verkäuferin zu mir reifem Semester „junger Mann“! 

Mark Brandenburger

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