Abschied vom Schatzkästlein

Nach 35 Jahren verläßt Marianne Reichelt die Bibliothek in Zernsdorf

Wenn Marianne Reichelt den Besucher durch die Bibliothek in Zernsdorf führt, strahlen ihre Augen. Die Räume sind ihr Herzensprojekt. Seit 35 Jahren leitet die ehemalige Lehrerin die Einrichtung im Bürgerhaus. Doch am 31. März dieses Jahres geht sie in den wohlverdienten Ruhestand. „Wie schnell die Jahre doch vergehen“, staunt die 82jährige selbst. Aber nun sei Schluss, sie wünsche sich mehr Zeit für sich und die Familie.

Durch Zufall kam sie 1984 mit der Bibliothek in Zernsdorf in Kontakt. „Unsere Nachbarin arbeitete dort. Als sie aufhörte, berichtete sie uns, dass sie einen Nachfolger sucht.“ Marianne Reichelt schaute sich die Einrichtung an, die damals noch im Zernsdorfer Gemeindehaus untergebracht war. „Dann bin ich dabei geblieben. Mir gefiel es, mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Es ist ja eine sehr abwechslungsreiche Aufgabe.“ Als das Gemeindehaus in Privatbesitz überging, zog die Bibliothek in das damals leere Bürgerhaus in der Friedrich-Engels-Straße 35, wo sie heute noch zu finden ist. Rund 2000 Bücher warten hier auf Lesefreudige aller ­Altersgruppen.

Als „Schatzkästlein“ bezeichnet Marianne Reichelt den Raum mit der Kinderliteratur. Hier finden Vor- und Grundschulkinder alles von Harry Potter über Die drei ??? bis zu Gregs Tagebuch. Eine schöne Erinnerung verbindet sie mit dem Besuch einer Kita­gruppe aus Kablow. „Die Kinder zeichneten mich am Schreibtisch oder wie ich Bücher trage. Das hat mich sehr gefreut.“

Geboren ist Marianne Reichelt in Berlin. Ihr Elternhaus wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. „Meine Eltern, sie waren gebürtige Mecklenburger, zogen dann mit mir nach Borkheide bei Belzig. Nach der Schule in Borkheide habe ich in Belzig mein Abitur gemacht.“ Es folgten vier Jahre Slavistik-Studium an der Humboldt-Universität in Berlin. „Nach meinem Abschluss kam ich dann an die Schule in Zernsdorf.“ Als Russisch-Lehrerin arbeitete Marianne Reichelt bis zu ihrer Pensionierung 1990.

Sodann folgte eine zweite Karriere in der Kommunalpolitik. „Zernsdorf war damals eigenständig und der zweitgrößte Industriebereich in Königs Wusterhausen. Ich engagierte mich im Naturschutzbund und ließ mich über ihn für die erste freie Kommunalwahl aufstellen.“ Marianne Reichelt wurde in der ersten Nachwende-Gemeindevertretung stellvertretende Bürgermeisterin, später wurde sie auch Ortsbürgermeisterin und Stadtverordnete. Bis 2008 war sie politisch aktiv. „Es war ein ganz neues Feld für mich“, erinnert sie sich. „Und es war schwierig, die Bibliothek und die Politik unter einen Hut zu bekommen.“ Auch ihr Mann Günter half mal in der Bibliothek aus, als Personalnot herrschte. „Ich habe ihm das Nötigste gezeigt und er setzte sich an den Empfang. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Als Diplom-Landwirt war es so gar nicht sein Gebiet.“ Doch nicht nur ihr Mann half, wo er konnte. Marianne Reichelt betont, dass sie ohne ihre Kolleginnen Marianne Holldorf, Regine Schmidt und Christel Loechelt das alles nicht geschafft hätte. Christel Loechelt wird ab dem 1. April die Leitung der Ortsteilbibliothek übernehmen.

Zum Abschied erhielt Marianne Reichelt bei der Ortsbeiratssitzung im Februar einen Blumenstrauß von Ortsvorsteherin Karin Schwitalla, die früher auch Schülerin von Marianne Reichelt war. „Vielen, vielen Dank für Ihre unermüdliche Schaffenskraft. Sie haben unseren Ort vielfältig geprägt“, sagte sie. Im Namen des Bürgermeisters überreichte Kämmerer Axel Böhm ein kleines Geschenk und einen Präsentkorb an die Ruheständlerin. Die Bibliothek in Zernsdorf gehört zur Stadtbibliothek Königs Wusterhausen und ist Dienstag und Freitag jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

RED/ PI Stadt KW