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Auf spannendem Weg vom Mitleid zum Neid

Prof. Dr.-Ing. Jörg Steinbach, Minister für Wirtschaft, Arbeit und Energie des Landes Brandenburg im Gespräch mit dem ELRO Verlag über Tesla in Grünheide und die insgesamt interessante Entwicklung in diesem Bundesland

Hallo Herr Minister: Jüngst bezeichneten Sie in einem Beitrag, dass die Ansiedlung des US-Elektroautobauers Tesla in Grünheide das größte Ansiedlungsvorhaben in der Geschichte Brandenburgs sei. Die Ansiedlung weiterer Unternehmen der Batterieproduktionsbranche, so in Schwarzheide und Ludwigsfelde sowie die weitere industrielle Entwicklung auch im Umfeld des BER-Flughafens in Schönefeld sind weitere sichtbare Zeichen für das Wirtschaftswachstum.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation auch mit Blick auf die Vorteile für Grünheide und die anderen Städte und Gemeinden der Region?

Für uns ist mit der Ansiedlung von Tesla tatsächlich ein kräftiger zusätzlicher Schub für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes Brandenburg. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Brandenburg, was die Wirtschaftskraft betrifft, oft bemitleidet. Daraus ist jetzt teilweise sogar Neid geworden. Zu unserem erfolgreichen Wirtschaftskurs zählt die Ansiedlung weiterer Unternehmen der Elektromobilität, die die gesamte Wertschöpfungskette der Batterieproduktion inklusive Recycling abbilden werden. Dazu zählt BASF ebenso wie Microvast, Svolt oder Rock Tech. Auch in anderen Bereichen verzeichnet Brandenburg in den vergangenen Jahren Spitzenwerte bei den Ansiedlungen.

Was bedeutet diese konzentrierte Ansiedlung der Unternehmen, die auf Materialien für die Produktion von Autobatterien spezialisiert sind?

Wir sind dabei, auf diesem Gebiet eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Das heißt, von der Herstellung der Ausgangsmaterialien über den Batteriebau und den Einbau in die Fahrzeuge bis zur Wiederaufbereitung und der Bereitstellung des so gewonnenen neuen Rohmaterials liegt alles in unserem Bundesland. Ich denke, diese Art der wirtschaftlichen Entwicklung ist einzigartig. Wir sind auf einem guten Weg. Das beweisen auch die Anfragen von weiteren Investoren, nach Brandenburg zu kommen. Übrigens, von dem Aufschwung in der Automobilindustrie profitieren auch viele Zulieferbetriebe in den Regionen. Hervorzuheben ist: Im vergangenen Jahr betrug das Wachstum des Bruttoinlandproduktes im verarbeitenden Gewerbe bei uns in Brandenburg über 13 Prozent – das Höchste in der gesamten Bundesrepublik. Mit einem Anteil des Wirtschaftswachstums von 3,3 Prozent ist Brandenburg nach den drei Stadtstaaten das erfolgreichste Flächenland in Deutschland. Mein Ziel ist es, dass wir uns auch in diesen und weiteren Jahren auf diesem hohen Niveau bewegen.

Wie wird sich speziell die Flughafenregion hinter der südöstlichen Stadtgrenze Berlins wirtschaftlich entwickeln?

Die Situation zeigt, dass es auch dort mehr Anfragen nach Flächen gibt, als vorhanden sind. Wir können etwa 80 Prozent der Interessenten mit Flächen bedienen. Nicht nur diese Region, sondern der Flughafen selbst erweist sich als ein Wachstumsmotor. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, zeigt sich, dass die Flughafengesellschaft für das Ausbildungsjahr 2023/24 rund 600 Bewerbungen erhielt. Weit mehr als Plätze vorhanden sind. Diesbezüglich beneiden viele Unternehmen, die Azubis suchen, den Flughafen. Insgesamt spielt für die wirtschaftliche Entwicklung der Region der Berliner Speckgürtel eine wichtige Rolle.

Bei der Betrachtung der Tesla-Ansiedlung befinden wir uns zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie. Viele Fragen betreffen das Thema Wasser und Wald.

Können Sie den Bürgerinnen und Bürgern der Region um Grünheide die Angst vor einer unsicheren Zukunft nehmen?

Ich bin der festen Überzeugung, dass keine wirtschaftliche Ansiedlung an Wasserfragen scheitern muss. Obwohl manche Landkarten, was Trockengebiete betreffen, für Unsicherheit sorgen, behaupte ich, dass sich in nächster Zeit viel objektivieren wird. Brandenburg hat Regionen mit gutem Wasservorkommen. Eine Aufgabe wird es sein, die Wasserverbände nicht nur organisatorisch, sondern auch technisch miteinander so zu verbinden, dass sie sich bei Bedarf gegenseitig mit Wasser aushelfen. Bei der Beurteilung von Tesla ist es wichtig, das Ganze mit weniger Emotionen zu betrachten. Fakt ist, mit seinem Wasserverbrauch befindet sich der Standort Grünheide nicht in der Spitzengruppe der Verbraucher unter den Brandenburger Unternehmen. Tesla hat mit dem örtlichen Versorger einen Versorgungsauftrag über bis zu 1,4 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr abgeschlossen. Der tatsächliche Verbrauch liegt während des Hochlaufens der Fabrik weit darunter. Außerdem wird das Abwasser zukünftig in einem Kreislauf geführt. Was die Rodung und Neupflanzungen des Waldes betreffen, ist die erste „1-1 Phase“ der Aufforstung von 300 ha Wald abgeschlossen. Gegenüber den früheren monotonen Kieferwäldern wird sich der neuentwickelte Mischwald in einer neuen Qualität mit mindestens 60 Prozent Laubholzanteil präsentieren. Zusätzlich werden im Umkreis von 10 Kilometer um die Fabrik über 300 Hektar hochwertiger Waldumbau vorgenommen, von dem etwa die Hälfte bereits umgesetzt ist.

Ist der Tesla-Chef für Sie als Minister und die Fachgremien Ihres Unternehmens ein angenehmer Gesprächspartner, der auch zuhören kann?

Ja, das kann er. Es gab viele Gespräche und Verhandlungen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal unterstreichen, dass während des gesamten Genehmigungsverfahrens zu Gunsten für Tesla kein Gesetz gebeugt wurde. Man muss sich aber auch klar machen, dass im Ausland viele Dinge einfacher geregelt sind und anders gehandhabt werden. Wir müssen aufpassen, dass wir mit unserer besonderen Vorsicht und Detailtiefe in den Regelungen nicht unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel setzen.

Beim Thema Tesla spielt natürlich die Mobilität auf Schiene und Straße eine wichtige Rolle. Wie ist hier der aktuelle Stand? Wie lange wird es dauern, bis jeder von uns ein E-Auto fährt?

Eine gute Frage. Ich behaupte vor 2035. Natürlich ist das Auto des Deutschen liebstes Kind. Wenn man aber die künftigen Kosten den erhöhten Werteverlust der Autos mit Verbrennungsmotoren in Betracht zieht, wird klar, dass es sich lohnt, auf ein E-Auto umzusteigen. Natürlich werden im Zuge der E-Mobilität sich in unserem Land auch die Produktion von Strom aus neuen Energiequellen und damit auch die Ladesäulenkapazität erhöhen. Bei der Stromerzeugung aus neuen Quellen spielen Regionalität und die Direktvermarktung eine zunehmend größere Rolle.

Ein Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie in Ihrem Ministerium die wichtigsten Aufgaben und Ziele?

Unsere Anstrengungen sind in der nächsten Zeit auf zwei Dinge gerichtet. Um unseren erfolgreichen Wirtschaftskurs fortzusetzen, müssen wir einer Verschiebung in den Unternehmen entgegenwirken. Meine große Sorge gilt dabei dem Handwerk und der Nachwuchsgewinnung. Viele junge Leute wollen lieber auf dem Gebiet der neuen Technologien arbeiten. Darum gilt es, durch die Nutzung neuer Technik, das Handwerk für junge Leute attraktiver zu machen. Die Aufträge an das Handwerk sind auch für große Unternehmen sehr wichtig. Neben der Digitalisierung wird der Wirtschaftserfolg künftig verstärkt über die Fachkräftezuwanderung realisiert werden können. Hier braucht es mehr Akzeptanz gegenüber ausländischen Fachkräften. Das Thema „Digitalisierung“ spielt ja schon jetzt in den brandenburgischen Unternehmen eine große Rolle. Entgegen der Meinung, dass durch die Digitalisierung Arbeitsplätze abgebaut werden, geht es heute darum, mit den Möglichkeiten der digitalen Welt, fehlende Arbeitskräfte zu ersetzen. Das heißt, mit weniger Köpfen die gleiche bzw. höhere Produktivität zu erreichen. Eine Mammutaufgabe – auch für Brandenburg

Dafür Ihnen sehr geehrter Herr Minister und Ihrem Team viel Schaffenskraft bei guter Gesundheit. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten:

Uwe Creutzmann, Wolf Glaeser, Nicolas Tasonicos

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