Bleibt alles anders wie es Ist

Halbjahreszeugnisnoten in Klasse 3 und 4 bleiben nun doch

Letzte Woche gab es Halbjahreszeugnisse. Für die Dritt- und Viertklässler sollten es eigentlich die letzten mit Noten sein. So hatte es Brandenburgs Landesregierung letztes Frühjahr beschlossen. Nach dem Vorbild von Schleswig-Holstein. Dort hatte die SPD-Führung vor fünf Jahren die notenfreie Grundschule eingeführt. Dieses Modell wollte die aus Schleswig Holstein gekommene Bildungsministerin Britta Ernst(SPD) nun auch der Mark überstülpen. 

Statt Zeugnisnoten solle es ein Lernentwicklungsgespräch mit den Eltern und ein sogenanntes Kompetenzzeugnis geben, in dem die Leistungen schriftlich bewertet werden. Also: „Note 6 – wir müssen reden!“ Die Ministerin meinte, eine Note sage nicht viel aus, Kompetenzzeugnisse würden dagegen genau wiedergeben, wie gut ein Kind lesen kann, wie die Orthographie ist. Andere in der Landesregierung bevorzugten weiterhin klare Noten. Gegen die Auffassung der Ministerin gab es dann massiven landesweiten Protest. Eine Woche später, Mitte April 2018, ruderte sie zurück: Die Noten bleiben!Freiwillig könnten aber weiterhin in der dritten und vierten Klasse schriftliche Einschätzungen statt Noten gewählt werden. 

Erfahrene Pädagogen sagen, sie hätten in all ihren Jahren im Beruf noch keine Beschwerden über das System der Schulnoten vernommen. Der Direktor der Grundschule Am Pappelhain Potsdam erklärte zum Beispiel in einer Zeitung, dass es ein Teil der Persönlichkeitsentwicklung sei, mit Noten zu lernen: Gute Leistungen gleich gute Noten. Schlechte Leistungen dann auch schlechte Noten. Genau so sei es im späteren Berufsleben: Leistung und Vergütung hängen zusammen. Und: Die Vergabe von Noten bedeute doch auch, so eine Lehrerin der KWer Herder-Europaschule, dass die Lehrer das Recht und auch die Pflicht hätten, bei Gesprächen während des Schuljahres mit den Schülern und den Eltern differenziert darüber zu reden, wie sich die Leistungen entwickeln. Gerade in der Grundschule würden das die meisten Eltern von einem guten Lehrer auch erwarten. Auch Kinder wollen Zensuren, bei denen sie wissen, was Leistungs-Sache ist. Der Landesschülerrat wolle dagegen ein „leistungsbezogenes Feedback“ durch Gespräche. Also wie man es aus den alten Bundesländern von vielem kennt: Reden um des Redens willen.

Das ganze Hickhack ist nichts Neues: Seit Jahren herrscht ein ständiges Hin und Her in der seit jeher von der SPD geführten Brandenburger Bildungspolitik. Das Grundübel: Das Bildungssystem funktioniert nicht ordentlich. Wie sich gerade letzte Woche bei der Zeugnisvergabe wieder zeigte. Es gab erneut Ärger. Dafür sorgte eine erst eine Woche zuvor veröffentlichte Verwaltungsvorschrift. Die Lehrer wurden davon überrascht, dass die Notengebung im Fach Deutsch in der dritten und vierten Klasse geändert wird. Bisher flossen in die Deutschnote drei Teile ein. Nun sollen es fünf sein – und die Lehrer müssen die Leistungen rückwirkend(!) neu bewerten: „Sprechen und Zuhören“, „Schreiben und Rechtschreiben“, „Lesen – Lesefertigkeiten nutzen“, „Mit Texten und Medien umgehen“ und „Sprachwissen und Sprachbewusstheit entwickeln“. Das hatte das Bildungsministerium zwar in einer neuen Grundschulordnung beschlossen. Doch die entsprechende Verwaltungsvorschrift, die Grundlage der Notengebung, wurde erst eine Woche vor Zeugnisvergabe erlassen.

Die Änderung ist in vielen Schulen gar nicht angekommen. Die Lehrer wussten nicht, dass die Reform schon in diesem Schuljahr gilt. Die Lehrergewerkschaft GEW hält das Ganze grundsätzlich für „Unfug“. Weil, so erfahrene Pädagogen, Schüler einer dritten Klasse mit dem Lernstand der 2. Klasse noch gar nicht danach bewertet werden können, wie sie mit Texten und Medien umgehen können, wie groß ihre Sprachbewusstheit ist oder wie es mit Schreiben und Rechtschreiben steht. Zumal nach dem Chaos mit der Schreiben nach Hören-Methode. Jetzt droht mit dem neuen Zensuren-Kuddelmuddel juristischer Streit. 

Ein Grundübel des Brandenburger Bildungssystems ist auch, dass nicht genügend Lehrer ausgebildet und eingestellt wurden. Deshalb ist jeder neunte Lehrer in Brandenburg ein Quereinsteiger. Zwar zum Teil mit fachlicher Ausbildung auf einem Gebiet, aber fehlender pädagogischer Qualifikation. Fast die Hälfte der Quereinsteiger sind Studienabbrecher. Darunter Horterzieher und Kindergärtner, aber auch Heilerziehungspfleger und Krankenschwestern. Ebenso Ingenieurökonomen und Wirtschaftswissenschaftler. 

Viel geschadet hat dem Brandenburger Bildungssystem auch die Einführung der Methode „Schreiben durch Gehör “. Also statt Mutter, Vater, Kind, Vogel dann Mutta oder Mudda, Vata, Kint, Fogel. Oile statt Eule, büllich statt billig. Isch fare mit Fada im Audo. Nach dem letzten Bildungsmonitor haben nur 12,5 Prozent der Brandenburger Mädchen in der 1. bis 4. Klasse den Mindeststandard im Lesen und 23,2 Prozent in der Rechtschreibung. Bonner Wissenschaftler haben festgestellt, das Kinder, die nach Gehör schreiben gelernt haben, 55 Prozent mehr Schreibfehler machen.

Ab dem kommenden Schuljahr sollen Kinder an Brandenburger Schulen wieder wie einst nach der Fibel lesen und schreiben lernen, also sich Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben begrifflich machen. Bis zur 4. Klasse sollen die Kinder einen Grundwortschatz von 700 Wörtern drauf haben, den sie auch schreiben können. Bildung in Brandenburg: Zwar alle Jahre etwas anderes. Nur selten was Besseres oder Vernünftiges. Jede Woche wird eine neue Reformsau unsinnig durchs Dorf getrieben. Als Treiber haben sich schon ungezählte Bildungsminister versucht – und sind gescheitert. Am Ende: Bleibt alles anders wie es ist. 

UR / Foto: Martin Konopka

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