Das Dusseltier

Der Mensch ist ein Dusseltier. Da will er öfter was Neues, aber dann trauert er dem Alten doch wieder nach. So nach dem Motto, früher war alles besser. Früher, als wir hier noch im Kollektiv kritisierten und nicht wie jetzt im Team mobbten. Aber nichts ist vollkommen. Nicht mal der Papst. Sonst könnte er fliegen. Früher war alles besser, behaupten manche. Also vor dem Mauerfall und davor als wir noch den Kaiser hatten. Für die  Wessis war früher besser, dass sie nicht mit uns teilen mussten, für die Ossis, dass sie die größte DDR der Welt waren. Ich erinnere mich an die Zeit kurz nach dem 9. November 1989. Da gönnte ich mir mit meinem Kumpel in einer kleinen Kneipe in West-Berlin von unserem Begrüßungsgeld ein Bier. Ein Westler erklärte uns, im Osten hätte er nie und nimmer leben wollen. Mein Kumpel: „Und warum nicht?!“ Der Westberliner: „Na, weeste, konntest Du denn so einfach in einen Autoladen gehen und Dir ein Auto kaufen?“ –„Nee.“- „Oder kannst Du so einfach in ein Reisebüro gehen und eine Reise nach Paris oder Mallorca buchen?“ Mein Kumpel: „Nee.“ – „Oder habt Ihr Meinungsfreiheit und könnt Euch einfach auf den Alex stellen und sagen: Die DDR-Regierung ist Scheiße – ohne dass Ihr sofort eingeknastet wärt?“-„Nee. Aber wie ist es mit Dir?“, wollte mein Kumpel wissen: „Kannst Du so einfach von der Arbeit wegrennen, weil es, sagen wir mal gerade Bananen gibt?“-„Nie und nimmer!“ Mein Kumpel wieder: „Kannst Du, weil Du am Tag vorher blau warst, mal blaumachen, ohne dass Dich Dein Chef rausschmeißt?“ „Nee.“ Mein Kumpel: „Na, siehste, Du Witzbold und da soll ich mich auf den Alex stellen und auf die Regierung schimpfen?!“
Geschimpft haben wir ja in den letzten Jahren auch reichlich über die schwarz-gelbe Bundesregierung. Aber hatten wir sie nicht auch ein wenig lieb gewonnen, fehlen sie uns nicht: Rainer Brüllerle, den Rotwein- und Dirndl-Ausschnitt-Experten, Guttenberg, den Plagiator, Kristinchen Schröder, das Kindchen als Kinderministerin, Guido, die  seichte Welle, Außenhandelsentwickler Niebel, den Teppichimporteur, Fipsi, das standhafte Bambusrohr im Shitstorm gegen die FDP? Ich wollte sie dieser Tage wenigstens noch mal hören. Habe ich erst im Hause von Westerwelle angerufen. Dessen Mann hebt ab. Ich: „Könnte ich bitte den Herrn Außenminister sprechen?“ – „Tut mir leid, er ist nicht mehr Außenminister.“ Auch am nächsten Tag sagt er mir das gleiche. Na, gut denke ich, probiere ich es bei Röslers: „ Könnte ich den Herrn Wirtschaftsminister sprechen?“ Frau Rösler: „Bedauere, mein Mann ist nicht mehr Minister!“ Zehn Minuten später habe ich es noch mal versucht: „Könnte ich den Herrn Minister sprechen?“ – „Ich habe Ihnen doch eben schon gesagt, mein Mann ist nicht mehr Minister! Können Sie sich das nicht merken?!“ Ich: „Doch schon, aber ich kann das einfach nicht oft genug hören!“
Wem man nun wahrlich nicht nachtrauert, ist die Stasi mit ihrer Schnüffelei. Seit 24 Jahren können wir wieder reden, schreiben, tele-fonieren und nun auch mailen wie es uns gefällt. Ich habe neulich einem Freund am Telefon gesagt, dass wir den Sprengstoff weiter im Garten verbuddelt lassen sollten. Einen Tag später war mein Garten komplett umgegraben. Müssen Fremdarbeiter gewesen sein, wohl Amerikaner. Sie benahmen sich jedenfalls so. Als wenn sie in meinem Garten was zu sagen hätten.
Auch in Bayern trauert man dem Alten nach. Die katholische Kirche will zukünftig auch Wiederverheirateten die Beichte abnehmen. Die Sepper trauern allerdings den bisherigen Zeiten nach, als das nicht möglich war. Aber warum denn, diese Zweitgetrauten, diese damischen Lotterbuam und -madeln haben doch wenigstens was zu beichten!
Manch einer trauert auch der Tatsache nach, dass „Hätte, hätte“-Steinbrück nicht Bundeskanzler geworden ist. Ein SPD-Wähler fragte ihn neulich, ob er dem auch nachtrauere. Peer: „Nö, überhaupt nicht. Was ich alles so versprochen hab, das hätte ich doch sowieso nicht halten können!“
Natürlich kommt Wehmut auf, bestimmte Politiker nun nicht mehr zu erleben. Aber ehrlich: Haben sie uns nicht jetzt glücklich gemacht: Dass wir sie nicht mehr sehen müssen!
Na, und überhaupt.

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