Das Eiapopeia vom Himmel

Oh, mein Gott: Muss ich mich jetzt schämen? Weil wir in den Urlaub geflogen sind? Und müsste deshalb Flugscham bekommen? Nö, passiert nicht. Aber ich habe mich sicherheitshalber, um nicht etwa auf dem Flughafen Schönefeld von einem KaWe-Kurier-Leser angemacht zu werden, ein bissel verkleidet. Meine Frau hat sich darob bald bekringelt: Mit Schiebermütze und Sonnenbrille ähnelte ich entfernt Stalin oder Horst Lichter. Doch waren die Leute am Airport in den kurzen Hosen, schwarzen Socken und Sandalen normale Urlauber oder Flug-Schämige? Eine Umfrage ergab: Lediglich knapp die Hälfte der Deutschen hat ein schlechtes Gewissen, in den Urlaub zu fliegen. Am wenigsten die Grünen-Wähler. Sie sind Deutsche Flug-Meister, fliegen am häufigsten. Fast jeder zweite in den letzten 12 Monaten. Zugegeben: Es macht schon nachdenklich. Ein Flug von Berlin auf die Kanaren und zurück – so das Umweltbundesamt – belastet die Umwelt pro Person mit etwa 1,8 Tonnen CO2. So viel, als ob man mit einem PKW Golf einmal rund um die Erde fahren würde. Aber wer macht das schon? Nun haben die Politiker das Thema für sich entdeckt, reden uns ein schlechtes Gewissen ein – und wollen höhere Abgaben des Flugverkehrs. Nicht für sich! Nee, für uns, den Bürger! Doch sollen wir wie einst die Wikinger reisen, wie die Umwelt-Gretel zur UNO nach New York in ferne Länder mit dem Segelboot schippern? Geht gar nicht. Meins käme ja aus dem Zeesener See gar nicht raus. Oder sollen wir wie weiland Goethe mit der Kutsche nach Italien holpern? Oder gar Reisevegetarier werden? Nur noch mit dem Finger auf der Landkarte verreisen? Eyh, Leute, lasst doch bei der ganzen moralisierenden Klimadebatte mal die Kirche im Dorf! Fliegen macht nur einen kleinen Bruchteil der CO2-Emissionen aus. Klimawandel ist eine Folge des profitgeilen kapitalistischen Raubbaus an der Natur. Flugscham – die kennen ja unsere Politiker auch nicht. Selbst beim Thema eigener Inlandsflüge nicht. Fast 23000 Flüge brachten die Beamten der Ministerien und ihrer Behörden im vergangenen Jahr auf ihr Belastungskonto – kostenlos und als vom Steuerzahler bezahlte Pendler zwischen Berlin und Bonn. Meist morgens hin, abends zurück. Weil die Bundesregierung auch fast 30 Jahre nach dem Umzug nach Berlin sich dumm stellt, den Zweitstandort im schönen Bonn am Rhein aufzugeben. Neben dem Umweltministerium(!) residieren fünf weitere Ministerien mit ihrem Haupt-Dienstsitz noch immer in Bonn: das für Entwicklungshilfe, das Verteidigungsministerium, das für Landwirtschaft, die für Gesundheit und Bildung und Forschung. Beamte des Umwelt-Ministeriums pfeifen auf die von ihnen angepriesene Bahn, fliegen stattdessen immer öfter hin und her. Annähernd fast 2000 mal in diesem Jahr schon, fast so viel wie im ganzen Jahr 2018.Tja, so schnell verfliegen gute Vorsätze. Und die Bundesregierung selbst hat auch keine Flugscham. Ihre Flugbereitschaft bläst in einem Jahr fast so viel Kohlenstoffdioxid wie eine deutsche Kleinstadt in die Atmosphäre, berichtet der Tagesspiegel. Die gesamte Regierungsflotte pestete von Mai 2018 bis April 2019 bei knapp 3000 Flügen etwas über 40000 Tonnen CO2 in die Umwelt. Auch weil die Flugbereitschaft in Köln stationiert ist und ganz viele Inlands-Leerflüge zwischen Köln und Berlin anfallen. Genau wie bei den Interkontinentalflügen. Die Flugbereitschaft musste kürzlich zum G20-Gipfel in Osaka den zweiten (noch) einsatzbereiten Langstreckenairbus für die Kanzlerin mitfliegen lassen. Leer. Falls der eigentliche mal wieder kaputt ginge und die Merkelin dann hätte Linie fliegen müssen. Größte Stickstoff-Verursacher bei Langstreckenflügen ist das Auswärtige Amt mit mehr als 4000 Tonnen CO2, das Bundespräsidialamt und das Kanzleramt sind mit jeweils etwa 2500 Tonnen dabei.

Die schlimmsten Umweltsünder im Bundestag sind die Grünen-Politiker: Sie flogen am meisten von allen. Wenn es nach den Grünen und auch Politikern anderer Parteien geht, wird das Fliegen bald teurer. Für uns. Sie meinen, dass die Ticketpreise hoch müssen, damit die Leute öfter mal unten bleiben. Doch von den Politikern bleibt keiner am Boden. Also müssen sie uns Flugscham einreden. Wie heißt es bei Heinrich Heine 1844 in „Deutschland, ein Wintermärchen“ – und da gab es noch gar keine Flugscham, weil keine Flugzeuge – so treffend:

„Sie sang das alte Entsagungslied,

Das Eiapopeia vom Himmel,

Womit man einlullt, wenn es greint,

Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,

Ich kenn auch die Herren Verfasser;

Ich weiß, sie tranken heimlich Wein

Und predigten öffentlich Wasser.“

Ganz genau. Und überhaupt.