Der blasse Tiger Ingo ist weg

Es ist Brauch bei der märkischen CDU, dass nach jeder verlorenen Wahl – und das waren sie bislang alle – mitten in den Sondierungen für eine neue Regierung immer eine Unions- „Schlachteplatte“ serviert wird. Sie stammt aus Zeiten, als der Grabenkampf der Markenkern dieser Partei in Brandenburg war. Diesmal hat es den bis dato CDU-Parteichef Ingo Senftleben und Herausforderer von Dietmar Woidke getroffen: Vom Parteifreund zum Parteifeind. Er hätte es wissen müssen, dass er nur verlieren kann. Und doch war er bei den Landtagswahlen als Tiger losgesprungen – und ist als Bettvorleger gelandet. Auf den Wahlplakaten hatte er sich selbstsicher und anmaßend schon als Ministerpräsident tituliert. Doch der woidkesche MP-Anzug erwies sich für den wahlkämpferisch blassen Lausitzer als zu groß. Er fuhr für seine Partei mit 15,6 Prozent das schlechteste Ergebnis seit den ersten Wahlen vor 29 Jahren ein. Einerseits, weil er selbst kaum Kante zeigte und in jeder Hinsicht seinem Namen gerecht wurde: der blasse Ingo. Zum anderen, weil er Wahlstrategen hatte, die ihm Schwachsinnsbotschaften verpassten. Zum Beispiel als sie eine bekloppte Lobeshymne auf ihren Spitzenkandidaten für dessen Wahlkampfauftritte komponieren ließen: „Wer macht auch die Bauern froh? Ingo! Ingo! … Haut Verbrechern auf den Po? Ingo! Ingo!“ Ohoho! Was wie eine Satire des politischen Gegners klingt, war ernst gemeint: Im „Ingo-Song“ wird Senftleben als eine Art Superheld dargestellt, der alle Probleme des Landes lösen kann. Und wenn Senftleben auf Plakaten verkünden musste: „Ich bin ein Landei! Und das ist auch gut so!“, dann haute er niemandem auf den Po, sondern die CDU ihn glatt in die Lächerlichkeitspfanne. Und er sich selbst, weil er nicht zu seinem Wort stand. Erst wollte er mit den Linken koalieren, dann bekam er Schiss, dass das Stimmen kosten könnte. Dann hatte Senftleben von vornherein ausgeschlossen, mit SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke überhaupt zu sprechen: Eine Zusammenarbeit mit der SPD schloss er kategorisch aus – und dann forderte(!) der CDU-Barde ganz unverschämt eine Regierungsbeteiligung. Senftleben hatte das gleiche Problem wie seinerzeit die einstige SPD-Hoffnung Schulz mit Merkel. Im Bundestags-Wahlkampf hatte der eine Zusammenarbeit mit ihr ausgeschlossen und wollte später dann doch als Außenminister mitmachen. So wie Senftleben über eine Unfähigkeit von Woidke geschimpft hat, kann er unmöglich in eine Regierung mit ihm gehen. Und nun zofft sich die CDU wie alle Jahre bei ihren Kandidaten: Sie hat die Fehler für die Wahlniederlage nicht bei sich selbst gesehen, sondern bei dem einst hochgejubelten Ingo den Blassen und ihn nun schnell wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Ingo Senftleben hat daraufhin konsequenterweise den sofortigen Rückzug von allen Spitzenämtern und aus den Sondierungen angekündigt. Und schon sind die Macht- und Grabenkämpfe in der Union – „Union“ heißt eigentlich Zusammenschluss – wieder offen und brutal ausgebrochen. Es droht, so wird befürchtet, auch ein Rechtsruck der CDU in Brandenburg, ein Rückfall in Zeiten einer Saskia Ludwig. Senftleben hatte seine Partei moderner, weltoffener ausgerichtet, blieb in der Flüchtlingspolitik human. Möglich auch, dass die Union nach der liberalen nun zur tiefschwarzen Werte-Union wird. Senftleben hat mit seinem Rücktritt eine Brücke zu bauen versucht: nämlich eine weitere Spaltung abzuwenden. Aber ob darüber die CDU geht? Fraglich. Und überhaupt.