Der russische Bär bleibt ein böser

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Was hat dieses Sommerwettermärchen hier bei uns mit dem Russland der letzten Wochen gemein: Beide erstrahlten bzw. tun es noch in Licht und Freudenglanz. Der Sommer mit südlichem Feeling, Russland mit der grandiosen Fußball-WM. Und beide mit freudig gestimmten Menschen. Nur bei der WM bleibt die Frage: Wer ist schuld daran, dass es so war? Na, klar, die Russen. Sie haben die WM zu einem überwältigendem Fest gemacht. Aber das – wie überhaupt das Bemühen ganz Russlands um eine bunte, erfolgreiche und friedliche WM – ging den meisten Westmedien gegen den Strich: Es gab keine der prophezeiten Ausschreitungen und Randale. Also war es nach Mediensicht eine Propagandaveranstaltung von Putin. Die er dafür nutzte, um der Welt ein unwirkliches Bild seines Landes zu suggerieren und im Glanz des Fußballs seine dunklen politischen Ziele durchzudrücken. Wie eine hiesige märkische Zeitung mutmaßte. Von Putin-Festspielen war da die Rede, die üppig inszenierte Fußball-Weltmeisterschaft sollte Kritik an Autokratie, mangelnder Pressefreiheit und Menschenrechtsverletzungen überdecken. Haben die Russland-Basher sie noch alle? Sicher, man kann und muss vieles in Russland kritisieren. Und natürlich hat Putin die Spiele auch für seine politischen Ziele genutzt. Doch es war keine Putin-Show. Dass er auch präsent war, damit zollte der russische Präsident den Gästen seines Landes und den Sportlern Respekt – wie es ein guter Gastgeber tun sollte. Schäbig dagegen das Verhalten westlicher Spitzenpolitiker, gerade auch der deutschen, die sich wichtig machten mit wochenlang durchgekauten medialen Überlegungen, ob sie nun nach Russland fahren sollten oder nicht. Und dann wegblieben. Weshalb sind sie nicht gefahren, haben mit den Menschen gesprochen, die großartige russische Kultur und Gastfreundschaft genossen? Es hätte dabei geholfen, ein verschobenes, feindseliges Russlandbild neu zu justieren. Die Merkelin ist 2014 bis Brasilien gejettet, um sich mit unseren Fußballern ablichten zu lassen. Gut, mit Jogis Losern machte sich das nicht so gut. Weshalb waren ihr die zwei Flugstunden bis Russland zu weit? Ich habe im letzten Jahr für den KaWe-Kurier die WM-Städte Moskau, St. Petersburg, Sotchi und Kasan besucht und vorgestellt, dort wie schon bei früheren Reisen freundliche und gastfreundliche Menschen kennengelernt, die nicht verstehen konnten, dass wir Deutschen anti-russischen Populisten eine Presse-Bühne bieten. Weshalb, so frage ich mich, haben unsere politischen Betonköpfe das Sportfest in Russland nicht genutzt, um sich mit Russland wieder näher zu kommen, um sich besser kennenzulernen, beim sportlichen Streit politischen zu überwinden? Und vielleicht dann auch mehr Verständnis für die Geschichte, Tradition, Kultur und Mentalität des jeweils anderen zu ­entwickeln.

Die westlichen „Mainstream“-Medien durchleben ja gerade schwere Zeiten. Das Vertrauen der Nutzer zu bislang einflussreichen und respektierten Medien geht ständig zurück, weil deren Neigung zur Propaganda in den vergangenen Jahren viel zu offensichtlich wurde. Und das gilt übrigens nicht nur beim Thema Russland, sondern auch für viele andere. Was tun? Also muss die angebliche moralische Überlegenheit des Westen, die von fast allen gleichgeschalteten Medien so eifrig betrommelt wird, herhalten gegenüber Russland. Die zeigt sich grade mal wieder beim Nichtrettenwollen der Flüchtlinge im Mittelmeer. Statt mit dem Finger auf Russland zu zeigen: Weshalb nicht laut dagegen werden, wenn andere Länder überfallen oder dort Bürgerkriege inszeniert werden, wenn weltweit Folterlager und Geheimgefängnisse installiert werden, wo allein der Verdacht ausreicht, um Menschen für immer verschwinden zu lassen, wenn tausendfach außergericht­liche Hinrichtungen mittels Drohnen stattfinden? Wenn es systematische und weltweite Überwachung von Hunderten Millionen gibt – selbst bei Freunden? Wenn Dissidenten weltweit um den ganzen Erdball gejagt werden oder in Botschaften ausharren müssen, damit sie diesem „Westen“ nicht in die Hände fallen? Was viele deutsche Bürger zu einer ablehnenden Haltung gegenüber dem mit dem Finger-auf-Russland-zeigen und den Sanktionen gegenüber Russland veranlasst, ist ihr gesunder Menschenverstand. Nicht unbedingt eine heimliche Sympathie für Putin, sondern eine realistische Einschätzung ist es, dass in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg zwischen West und Ost stattfindet, dessen Akteure weitestgehend identisch mit denen des neuen Kalten Krieges sind. Dass Deutschland hier mit drinhängt, stößt viele Deutsche ab – sowohl links wie rechts.

Auch nach der WM: Nein, es wird keine grundsätz­lichen Veränderungen in den Medien und den westlichen politischen Ansichten geben. Es bleibt dabei: Russland ist Schuld! Der russische Bär bleibt für den Westen der Böse – egal, ob der Anlass dafür real oder aus dem Finger gesogen sein wird.
Und überhaupt.

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