Drauf geschissen!? Eben nicht

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Burg Storkow: Lehrreiche Moritaten vom stillen Örtchen Ausstellung bis Juni verlängert 

Wenn Detlev Nutsch nach seiner Fidel greift, die gleich neben dem Emaille-Nachttopf unterm Museumsbett liegt, dann steuert der „Öffentliche Stuhlgang“ im Rahmen der Sonderausstellung „Drauf geschissen!“ auf der Burg Storkow (Landkreis Oder-Spree) zweifellos seinem Höhepunkt entgegen. Der Gästeführer wird zum Moritatensänger, der mit herzzereissenden Geigenspiel und Versen die kleinen intimen mittelalterlichen Gepflogenheiten zwischen Bettkante und Pissoir zum Besten gibt. Es ist ein Spaß. Und doch singt er auch auch mit fester, klarer Stimme vom Leben und vom Tod. 

Die aktuelle Sonderschau zur Geschichte des stillen Örtchens auf der alten Ritterburg in Storkow ist so erfolgreich, dass sie bis Juni dieses Jahres verlängert wurde. Weit mehr als 20000 Menschen haben sie bislang gesehen. Und das aus gutem Grund, lädt die Ausstellung doch zu einem der derzeit vielleicht unterhaltsamsten und zugleich auch hintergründigsten Museumsbesuche im Land ein. So wie der französische Schriftsteller Gabriele Chevallier mit dem Kultbuch „Clochemerle“ einen ganzen Roman über ein einziges, die Welt in Aufruhr versetzendes  Klohäuschen schrieb, so beweisen die Ausstellungsmacher von Storkow mit ihrem WC-Streifzug von der Antike bis in die Moderne, dass der Umgang mit dem allzu menschlichen Bedürfnis tatsächlich etwas über den Zustand dieser Erde verrät. 

„Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn wir die Entwicklung des Klogangs auch als eine Kulturgeschichte der Menschheit bezeichnen“, sagt Burgmitarbeiterin Melanie Reiche, die die immer noch wachsende Ausstellung inhaltlich betreut. Vor kurzem konnte die Leiterin des Besucherzentrums auf der Burg ein besonders schön geschwungenes gusseisernes Klosett vom Ende des 19. Jahrhunderts und zwei Trockentrenntoiletten neuster Produktion in den Rundgang integrieren. „Bei allem Augenzwinkern, mit dem wir uns dem Thema nähern, ist es uns schon wichtig, die ökologischen und sozialen Aspekte der Toilette herauszuarbeiten“, sagt die umweltbewusste Geografin. Immerhin würden noch immer täglich  rund 270000 Bäume für den weltweiten Toilettenpapierverbrauch gefällt. Noch immer flössen viel zu viele Millionen Liter Wasser gedankenlos in die Klobecken. Und mehr als 2,5 Milliarden Menschen hätten derzeit überhaupt keinen Zugang zu irgendeiner Latrine, was sowohl für Mensch als auch Natur verheerende Folgen habe. „Wir schauen mit dieser Ausstellung schon über den eigentlichen Rand der Kloschüssel hinaus“, sagt Melanie Reiche, „ich glaube, das macht ihren besonderen Erfolg aus.“ 

Den garantiert natürlich auch „Toilettenfred“ Detlef Nutsch mit seinen kurzweiligen und kenntnisreichen Spezialführungen. Der gelernte Nachrichtentechniker und Schuhverkäufer ist gern als Entertainer unterwegs. In Storkow hat sich der Hobby-Folkmusiker schon als unterhaltsamer  Nachtwächter einen Namen gemacht. Mit dem singenden Toilettenfred schrieb er sich nun eine weitere Rolle auf den Leib. „Ich habe mich intensiv belesen und passende Verse und Lieder ausgegraben“, sagt das Storkower Unikum.  So haben die Burgbesucher das wohl einmalige Vergnügen, mit einem rezitierenden und musizierenden Ausstellungsführer in die Tiefen des Lokus blicken zu können. 

Sei es ein Zeugnis früher Hochkultur wie die Rekonstruktion eines mehr als 2500 Jahre alten Kinder-Topfstuhls aus Athen. Sei es die extra wieder eingebaute hölzerne Burgtoilette, die wie ein Erker als sogenannte „Scheißnase“ direkt über dem Burggraben hing. Oder sei es eine edle Wohnzimmer-Kommode aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich beim näheren Betrachten als gut verpackter Toilettenstuhl entpuppt: Detlef Nutsch hat zu jedem Stück eine amüsante oder auch nachdenklich stimmende Geschichte parat. Sie ranken sich um die „Geschäftemacher“ im alten Rom, um den alkoholreichen Urin der „Blaumacher“ in den Färbereien des Mittelalters oder um ganz und gar schamlose „Stuhlgänger“ – jene hohen Herrschaften, die einst ihre Audienzen ganz ungeniert auf dem leibgeschneiderten Toilettenthron hielten. Zu den bemerkenswerten Stücken der Ausstellung gehören zudem raffinierte historische Reise- und erste Vakuumtoiletten sowie aktuelle Kuriositäten wie ein Fahrradklo, ein stilles Örtchen für die Achterbahn oder bedrucktes Klopapier aus dem letzten amerikanischen Wahlkampf. Und selbst der Gruß aus der Zukunft fehlt nicht. Es können japanische High-Tech-WC inspiziert werden, die erkennen, ob es ein Männlein oder Weiblein ist, das sie gerade benutzt. Die Exponate stammen zu 30 Prozent aus einer Leihausstellung des Schlosses Rochlitz in Sachsen. 70 Prozent haben aber die Mitarbeiter der Burg Storkow in akribischer Recherchearbeit zusammengetragen.  „Das, was uns geschenkt wurde und wird, versteigern wir zum Schluss der Ausstellung zu Gunsten der German Toilet Organization, die soziale Hygiene-Projekte weltweit fördert“, sagt Melanie Reiche. Damit unterstreicht sie noch einmal, wie sehr die Storkower Ausstellung dafür steht, dass auf dieses allseits gegenwärtige und doch noch viel zu wenig erörterte Thema nicht einfach so „geschissen“ wird. TM

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