Eine Botschaft für die ganz große Bühne

Intensive Probenarbeit im Vorfeld der einmaligen Aufführung: Die Stimmen unterschiedlichster Ensemble finden zu einer gemeinsamen Sprache. Foto: T. Müller

Gedenken an die Pogromnacht: Zeuthener Schüler sind Teil
einer Chorgemeinschaft, die im Berliner Konzerthaus auftritt

Lampenfieber, das kennt man ja an der Musikbetonten Gesamtschule Paul Dessau von Zeuthen. Gerade die Mädchen und Jungen der Musikklassen zieht es schon öfter als im gewöhnlichen Schulalltag ins Rampenlicht, um ihre spezielle Ausbildung im Chorgesang, im Tanz, im Einzel- und Ensemblespiel der verschiedenen Instrumente auch auf großer Bühne unter Beweis zu stellen. Und doch ist das, was gegenwärtig 20 Sängerinnen und Sänger sowie einige der Leiterinnen des Paul-Dessau-Chores erleben, eine besonders aufregende Zeit, ja eine geradezu „krasse Erfahrung“.

So bringt jedenfalls Katharina Radtke die intensiven Proben für die Aufführung der 3. Sinfonie des amerikanischen Star-Komponisten Leonard Bernstein auf den Punkt. Die Zwölftklässlerin gehört wie ihre Mitschüler zu einem rund 250köpfigen Chorensemble, das eines der anspruchsvollsten und außergewöhnlichsten Gesangsstücke, die die Musikliteratur überhaupt kennt, anlässlich des 80. Jahrestages der Wiederkehr der Reichspogromnacht am 9. November im Konzerthaus von Berlin aufführen wird. „Ich bekomme jetzt schon während der Proben Gänsehaut“, sagt die Zeesenerin, die seit fünf Jahren in Zeuthen zur Schule geht und dort im Chor singt, „aber wenn ich an den Auftrittstag und den Auftrittsort denke, dann klopft mein Herz schon ganz gewaltig.“

Das Gedenkkonzert am nicht minder denkwürdigen Ort in Berlin ist ein Projekt des Berliner Konzertchores und dessen künstlerischen Leiters Jan Olberg, der übrigens in Königs Wusterhausen wohnt. Er hat verschiedene Jugend-Chöre aus Berlin und Brandenburg eingeladen, sich an eine moderne, atonale Musik heranzuwagen, mit der sie sich sonst wahrscheinlich nie beschäftigen würden. „In ihrer Intensität, ihrem Rhythmus und auch in ihrer politischen Botschaft ist sie aber in der Lage, etwas auszulösen, einen Impuls zu setzen, der vielleicht und hoffentlich für ein ganzes Leben reicht“, sagt der Chorleiter und Dirigent.

Leonard Bernsteins Sinfonie für Chor, Orchester und Sopran-Solo verarbeitet Teile des Kaddischs, eines der wichtigsten jüdischen Gebete, mit dem Gott gepriesen, aber auch die Toten beklagt werden. Deswegen wird sie auch als Kaddish-Sinfonie bezeichnet. Zur Uraufführung im Jahr 1963 in Tel Aviv widmete der Komponist sein Werk dem US-Präsidenten John F. Kennedy, der kurz zuvor ermordet worden war. „Als sich die Gelegenheit bot, am historischen Tag des 9. November ein Konzert zu veranstalten, sagte ich mir, dies ist eine Chance und eine mehrfache Herausforderung zugleich, diesem Datum gerecht zu werden“, beschreibt Jan Olberg seine Intentionen, ein besonders nachhaltiges Stück mit intensiven jüdischen Bezügen von vielen Partnern, vor allem eben jungen Menschen, zusammen auf die Bühne bringen zu wollen. „Es geht sowohl um das Gedenken und Erinnern, aber auch um das Nach-Vorne-Schauen“, so der 55jährige Musiker. „Wir sind wach, wir stehen dafür, dass nichts vergessen wird, aber auch dafür, dass es nie wieder geschehen darf.“

Dabei fiel die Wahl auch deshalb ganz bewusst auf Leonard Bernstein, weil der für einen der wohl emotionalsten Momente der Berliner Musikgeschichte sorgte. Der Tag des Falls der Mauer, eben auch ein 9. November, führte ihn nach Berlin, um als Dirigent eines internationalen Ensembles zu Weihnachten 1989 in eben diesem Berliner Schauspiel- und Konzerthaus am Gendarmenmarkt die Aufführung der 9. Sinfonie von Beethoven zu leiten. Nicht Freude, sondern „Freiheit, schöner Götter Funke“ schallte es damals unter den Tränen des Publikums hinaus auf den Gendarmenmarkt.

Genau in dieser Vielschichtigkeit des Projekts, in seiner musikalischen Herausforderung und in seinen aktuellen Botschaften angesichts bewegter Zeiten sahen und sehen die Zeuthener Musiklehrerinnen und Chorleiterinnen Katharina Krause und Cordula Heymann eine Bereicherung ihrer Arbeit mit den Jugendlichen. Sie habe keine Minute gezögert, sagt Katharina Krause, als die Anfrage von Jan Olberg und dem Berliner Chorverband kam, der das Mammutvorhaben mit seinem Engagement wesentlich mit befördert. „Wir kennen uns durch Jugend-Workshops, an denen wir schon länger regelmäßig teilnehmen“, sagt sie. „Durch die Zusammenarbeit, insbesondere bei diesem Projekt, verlassen die Schüler, aber auch wir Lehrer, den Mikrokosmos Schule, schauen über den Tellerrand hinaus, lernen bei jeder Probe dazu.“

Seit Anfang des Schuljahres wird sowohl intern in der Schule, als auch zusammen mit den anderen Ensembles am Wochenende intensiv geübt. Vom 6- bis zum 83jährigen werden dabei die Alt- und Sopranstimmen, die Bässe und Tenöre von mehreren Stimmbildnern wieder und wieder zusammengefügt, werden Tempo und Rhythmus aufeinander abgestimmt. Die Proben sind lang und anstrengend. Es wird auch gestöhnt und mitunter gemurrt. Und doch finden die so unterschiedlichen Ensemble nach und nach zu einer einheitlichen Struktur und einer gemeinsamen Sprache. Mit der werden sie am Freitag kommender Woche, am denkwürdigen Tag des 9. November, auf der ganz großen Bühne ihre Botschaft vom produktiven, und friedlichen Miteinander intonieren. „Ich bin mir sicher, so ein Stück werde ich nicht oft in meinem Leben singen. Aber es wird in meinem Kopf bleiben und hoffentlich auch in denen der Zuhörer“, sagt die 18jährige Zeuthener Schülerin und Chorsängerin Katharina Radtke. TM

Konzert anlässlich der 80. Wiederkehr des Tages der Reichspogromnacht vom. 9. Novmner 1938. Konzerthaus Berlin, 9. November 2018, 20 Uhr. Karten unter www.tickets.
berlinerkonzert.org, unter der Rufnummer 030/47997474 sowie bei www.eventim.de.

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