Eine harte Zeit

Verdammt hart die Zeit jetzt vor Ostern: Es ist Fastenzeit. Zeit der Entsagungen. Dabei ist die Zeit davor schon eine harte: Ich sag nur Karneval. Karneval und wir Preußen als Karnevalsmuffel! Und nun noch Fasten. Biblisches Vorbild für die 40-tägige Fastenzeit ist die Erzählung in der Bibel: Jesus hatte 40 Tage und Nächte in der Wüste gefastet, wo er den Versuchungen des Teufels widerstehen musste. Um den heutigen Versuchungsteufeln zu widerstehen, wird in verschiedenen Formen gefastet. Aber kein Hardcorefasten. Die einen essen weniger, andere verzichten auf Fleisch, auf Sex, Alkohol, auf Süßigkeiten, auf Fluchen, ja sogar auf das Handy oder die Autobenutzung. Ich selbst faste ja auch. Sogar extrem: Faste vom Fasten. Die am weitesten verbreitete Form des Fastens ist das Geistfasten. Aber das machen ja viele. Sogar das ganze Jahr lang. Verzichten auf eine eigene Meinung. Geistfasten, das sind auch die geistlosen Reden in der Fastnachts- oder Karnevals-Bütt und Niveau-Such-Witze: Niveau – wo? Banale und dumme Witze und danach ein Lachaufforderungs-Tusch: Öhö-öhö. Nö! Dass es anders geht, beweist seit vielen Jahren hier in KW der katholische(!) Jugendklub ProFete. Er lädt zu einem inzwischen profilierten und qualitätsvollen politischen Aschermittwochsvorabend ein. Der als solcher kommt – wie alles – aus dem Westen. Mit bissigen Worten, Witz und zuweilen auch Häme liefern sich die Parteien auf dem politischen Aschermittwoch ihre traditionellen Redeschlachten. Brauchten wir im Osten nicht. Im Sozialismus war doch alles gut. Dabei gibt es gut gezielte Pointen – und platte Polemik. Gesitteter der rhetorische Schlagabtausch in KW. Dabei können örtliche Politikhonorationen in Narrenfreiheit schon mal Dampf ablassen. Nicht über Minderheiten wie es AKK mit ihrer Rede über das 3. Gemächt getan hat, sondern über die, die hier das Sagen haben oder sich für einen Lokalpolitik-Superman halten. In früheren Jahren war das eher Selbstprofilierung und ein verbales Verteilen von Nasenstüberchen mit dem Wattebäuschchen zu Klampfengesinge und öden öhö-öhö-Tuschs. Heute nutzen es fast alle Büttenredner zu einem Finger-in-die-Wunde-Legen. In die Wunde der Ungereimtheiten oder Narreteien in der Stadt. Und großes Gestaune, wie viele es davon gibt, die dem Stadtvolke gar nicht bekannt sind. Die freien Reden sind sozusagen Volkes Stimme und so eine Art Persönlichkeits- und Demokratietest für die Stadt-Regierenden: Hältst Du des gemeinen Volkes Meinung aus? Und dann gibt es zwei Optionen: Selbst zum Büttenredegegenschlag auszuholen und sich Anerkennung verschaffen – oder keinen Spaß zu verstehen und sich deshalb dort nicht sehen zu lassen. Wie auch beim Aschermittwochsvorabend diesjahr. Einige, die sonst große Reden schwingen, hatten wie schon im letzten Jahr ein Problem mit dem dortigen Humor und vor allem damit, Wahrheiten auszuhalten. Vielleicht, weil sie ein Problem mit sich selbst haben. Wenn sie das eingestehen, dann Asche auf ihr Haupt. Jedem Christen – Sünder oder nicht – wird ja am Aschermittwoch ein Kreuz aus geweihter Asche auf die Stirn gezeichnet. Wenn Ihr(e) Junior/Juniorin fragt, ob Sie ein Wort kennen, das mit „A“ anfängt und mit „och“ aufhört., dann schimpfen Sie nicht: Sie sind kulturell interessiert und meinen Aschermittwoch. Und überhaupt.