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Eine Schneise für das Leben von Wald und Mensch

In der Lieberoser Heide wird dem explosiven Erbe der Militärzeit Schritt für Schritt zu Leibe gerückt

Oberforstrat Claus-Rüdiger Seliger kann zufrieden sein. Während sein Dienstherr, das Land- und Forstwirtschaftsministerium von Brandenburg, angesichts des Hochs „Corina“ gerade wieder neue Waldbrandwarnungen herausgab und dabei explizit auf die Gefahren der Altmunition auf den ehemaligen Truppenübungsplätzen hinwies, hat der Leiter der Landeswaldoberförsterei Peitz schon mal eine Sorge weniger. Er blickt an diesem heißen, sonnigen Augusttag auf eine langgestreckte Schneise am östlichen Waldrand der Lieberoser Heide an der Landkreisgrenze zwischen Dahme-Spreewald und Spree-Neisse. Sein Betrieb ist hier im Auftrag des Landes Brandenburg für die Bewirtschaftung eines Großteils der Flächen zuständig. „Ja, es sieht nicht so richtig schön aus“, sagt der Forstingenieur, „aber es bringt uns ein gutes Stück mehr Sicherheit.“ Der gut ein Kilometer lange und 50 Meter breite Streifen ist der jüngste Teil des Schutzstreifens, der Schritt für Schritt um das riesige von Bränden arg gebeutelte Waldgebiet gelegt wird und mit dessen Hilfe etwaige Feuer künftig besser in Schach gehalten werden können. „Die Fläche soll im Falle eines Brandes nicht nur ein Übergreifen der Flammen auf besiedelte Gebiete verhindern“, sagt Claus-Rüdiger Seliger. „Sie ist in den letzten Monaten auch komplett von Altmunition aus der Zeit der militärischen Nutzung des Geländes befreit worden, so dass die Einsatzkräfte sie im Notfall befahren und von hieraus ihre Löschangriffe starten können.“ Von den Arbeiten einer Spezialfirma zur Munitionsbergung zeugt noch ein großer Schrotthaufen am Rande der künstlich angelegten Lichtung. Schwere Eisenträger, Teile von Panzerketten, zerbeulte Tankbehälter, rostige Drahtgestelle, Bleche oder Kochgeschirr türmen sich aufeinander. „Das kommt alles hier aus dem Boden“, sagt Claus-Rüdiger Seliger. „Es ist der nicht explosive Teil des Militärschrotts, der uns das Leben so schwer macht.“ Die eigentlichen Munitionsreste – Patronen, Granat- und Geschosshülsen, Gewehrteile, ja sogar komplette Bomben – wurden selbstredend bereits vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes unschädlich gemacht, abtransportiert und entsorgt. „Das geschieht während der Arbeiten täglich“, erklärt der Forstrat. Die militärische Nutzung eines Teils der Lieberoser Heide begann bereits während der Nazi-Zeit, als die Waffen-SS dort den Übungsplatz „Kurmark“ einrichtete. Nach dem 2. Weltkrieg baute ihn die Sowjetarmee zum Manöverplatz aus, wo sie bis zu ihrem Abzug im Jahre 1992 auf mehreren Schießbahnen Artillerie-, Panzer- und auch Raketenübungen abhielt. Nach der Wende gingen die über 20000 Hektar an verschiedene Eigentümer. Zu ihnen gehört neben dem Landesbetrieb Forst und privaten Waldbesitzern auch die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, die dort zum Teil wieder Wildnis entstehen lassen will. Seit 2017 sind in der Heide durch mehr als ein Dutzend größere Waldbrände rund 950 Hektar Wald vernichtet bzw. stark beeinträchtigt worden. Mitte Juli dieses Jahres hat es das letzte große Feuer auf gut 100 Hektar Fläche gegeben. Als Brandursachen werden die starke Trockenheit, aber mittlerweile auch Brandstiftungen vermutet. Die zuständige Polizeiinspektion hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Nachdem in diesem Jahr bereits im südlichen Bereich der Lieberoser Heide ein rund 15 Hektar großer Abschnitt des Schutzstreifens kampfmittelfrei an den Landesbetrieb Forst übergeben wurde, ist nun im Sommer der östliche Teilabschnitt mit einer Fläche von rund sechs Hektar hinzugekommen. Die Munitionssuche gleicht dabei einer Sisyphosarbeit. Mit einer Tiefensonde, die nicht größer ist als ein Staubsaugerrohr, scannen die Spezialisten den Boden. Da das Suchinstrument, das auf Metall reagiert, nicht weiß, ob es einen rostigen Nagel oder einen Granatrest anzeigt, muss jeder Fund angegraben werden – je nach Größe und Tiefe entweder mit der Schaufel oder dem Bagger. „Das ist und bleibt eine Generationenaufgabe“, sagt Claus-Rüdiger Seliger. Insgesamt verfügt die Behörde aufgrund verschiedener Gutachten über einen sehr guten Überblick, wie unterschiedlich stark die Flächen belastet sind. Noch immer gibt es zahlreiche sogenannte rote Zonen. „Das heißt, da dürfen wir nicht ran, bevor nicht entmunitioniert ist“, erklärt der Forstingenieur. Und das gilt eben nicht nur für die Waldarbeiter, sondern auch für die Feuerwehr, weil die Gesundheit der Kameraden nicht aufs Spiel gesetzt werden soll. Insbesondere bei den Bränden der letzten zwei, drei Jahre, die das Gebiet landesweit in die Schlagzeilen brachten, erwies sich die eingeschränkte Einsatzmöglichkeit der Rettungskräfte als verheerend. Deswegen hat das Land finanzielle Mittel bereitgestellt, um die Arbeiten an den Brandschutzgürtel und an Zufahrtswegen zu intensivieren. Die Verbotszonen umfassen noch immer mehrere Hundert Hektar. Aber immerhin – sie sind in den Bereichen, die dem Landesbetrieb gehören, auch über die reinen Brandschutzmaßnahmen hinaus in den letzten Jahren schon ein erhebliches Stück kleiner geworden. „Je nachdem, wie es die Finanzen hergeben, lassen wir schon lange Zeit jährlich zwischen 40 und 50 Hektar von den zertifizierten Munitionsbergungsbetrieben freiräumen, um dort auch nachhaltigen Waldbau betreiben zu können“, sagt Claus-Rüdiger Seliger. Das schließlich sei die eigentliche Aufgabe und Leidenschaft eines Försters und Diener des Waldes. TM

Brände erfassten bereits über 1330 Hektar

Bis Mitte August mussten die Feuerwehren im Land in diesem Jahr schon zu mehr als 350 Waldbränden ausrücken. Die Flammen haben im laufenden Jahr bereits wieder eine Fläche von 1330 Hektar Wald erfasst. In den meisten Fällen blieb es bei einem kleinen Bodenbrand. In 90 Prozent der Waldbrände konnte das Feuer so schnell gelöscht werden, dass die Brandfläche unter einem Hektar blieb. Aber: Bei neun Waldbränden war eine Fläche von mehr als zehn Hektar betroffen. Der größte Waldbrand ereignete sich am 3. Juni auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Jüterbog-West und erreichte eine Fläche von 744 Hektar!Alle bislang registrierten Großwaldbrände über zehn Hektar waren auf Waldflächen, die durch die Speziallisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes als stark belastet eingestuft sind. Feuerwehrleute konnten nur aus der Ferne agieren. Die Gefährdung durch explodierende Munition erfordert, dass ein Sicherheitsabstand einzuhalten ist. So kann nur von gesicherten Wegen aus das Feuer bekämpft werden. Die geringen Niederschläge haben die Waldböden bis in tiefe Schichten vollständig austrocknen lassen. Auch die Regenschauer der vergangenen Tage waren nur ein „Tropfen auf den märkischen Sand“, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium Brandenburgs. Sonne und Wind haben dem Boden die wenige Feuchtigkeit schnell wieder entzogen. Deswegen sei die Waldbrandgefahr wieder sehr hoch. Jeden Morgen um 8 Uhr werden die Gefahrenstufen für die jeweiligen Landkreise aktualisiert und gelten dann für 24 Stunden. RED

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