9.5 C
Königs Wusterhausen
Montag, Februar 26, 2024
Stellenangebote der KOCH AG Zeesen

Feen-Streik

Von Dagmar Neidigk

„Also, meine hat gerade gekündigt! Ihre nicht? Sie sind doch auch nicht mehr die Jüngsten … Oh, sorry, ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber – der Reihe nach: Das Unglück nahm seinen Lauf, als ich mich vor einiger Zeit auf eine Auseinandersetzung mit meiner guten Fee eingelassen habe. Ja, mit meiner guten Fee. Sie reden doch auch mit Ihrem Schutzengel, oder nicht?! Also ich meine: Sie erbitten etwas von Ihrer Fee und sie tut ihre Arbeit, ohne einen Mucks von sich zu geben. So weit lief Jahrzehnte lang das Meiste ziemlich okay …

Aber im vergangenen Jahr hatte ich mir gleich zweimal die Grippe eingefangen. Zu allem Überfluss war ich dann im Sommer böse über den Fahrradlenker abgestiegen. Das war meiner guten Fee zum ersten Mal in meinem Leben deutlich zu viel. Die Heilung ließ auf sich warten. Kurz darauf habe ich mir den Arm verbrüht. Meine Fee drohte nun mit Kündigung. Ich war mir sicher: Das darf sie gar nicht! Also sah ich einer Heilung trotzdem wie immer optimistisch entgegen. Und da hat sie es wahr gemacht: Sie hat ihre Sprache gefunden und gekündigt. Das dürfe sie, meinte sie. Das hätten sie in der Feen-Gewerkschaftsgruppe beschlossen. Neue Zeiten, neue Sitten halt! Und die verlangten eben nach neuen ­Konditionen.

Ich war entsetzt und starrte auf meine nicht heilen wollende riesige Brandblase. Meine Fee aber gab allein mir die Schuld. Schlimmer noch: Sie wies ­erbarmungslos auf mein Alter und meine Schusseligkeit hin. All die Jahre meldete sie sich nie, verrichtete ihre Arbeit zufriedenstellend und jetzt, jetzt kommt sie mit: ‚Ich darf doch wohl auch mal kündigen und in Rente gehen! Du genießt deinen Ruhestand schon lange!‘ ‚Naja, aber gerade jetzt brauche ich meinen Schutzengel umso mehr im Alter!‘, konterte ich. Sie sofort: ‚Mag sein, aber ich habe meine Ruhe mehr als verdient! Hast doch selbst gemerkt, dass ich deine vielen Wehwehchen nicht mehr in den Griff kriege! Ihr Menschenkinder werdet immer älter! Da machen unsere Kräfte nicht mehr mit! Ohne mich! Du bist über 70, es reicht!‘

Ich versuchte, sie umzustimmen: ‚Ihr Feen seid ja wohl auf Lebenszeit für uns verantwortlich. So eine gute Fee, die hat man für immer und ewig!‘ ‚Eben nicht mehr!‘, antwortete sie prompt und weiter: ‚Auf Lebenszeit hieß früher 50 oder höchstens 60 Jahre. Da kam man noch mit. Aber heute, unter neunzig oder hundert wird man euch nicht mehr los! Und ich sag bloß: Je oller, je doller! Mit 80 kauft sich Opa ein E-Bike und Oma fährt mit dem E-Scooter nebenher, anstatt in Ruhe die passenden Urnen auszuwählen! Und wir? Stets und ständig auf Tatütata für euch! Jetzt macht ihr auch noch auf Öko-futtern und Abstinenz. Da stehen bald die 120 als Durchschnittsalter an. Wer will denn da noch Engel sein und zur guten Fee berufen werden?!‘

‚Aber, Du kannst mich doch nicht im Stich lassen. Überall lauern mehr und mehr Gefahren! Die Ampeln schalten so schnell, dass man nicht einmal mehr mitkriegt, dass schon grün war. Ich steige in die falsche Straßenbahn, weil ich die Nummern nicht erkenne … und mein Gebiss droht sich bei jedem falschen Schwimmstoß von mir zu trennen. Gute Fee, bleib bei mir!‘

Doch meine gute Fee zeigte sich knallhart: ‚Meine Liebe, Schluss jetzt – der Trend geht schon lange zur Zweit-Fee! Die sind aber super rar und teuer! Bete zum Feen-Job-Center!‘ ‚Das habt ihr auch?!‘, staunte ich.

‚Na klar, was denkst du, wo ich zur bösen Fee umgeschult wurde?!‘“

RELATED ARTICLES

Meist gelesen

Kommentare