Funkstille für Handys

Funknetz und Internet sollen in den ländlichen Regionen von Dahme-Spreewald in nächster Zeit besser werden. Mit rund 18 Millionen Euro fördert der Landkreis Dahme-Spreewald in den nächsten zwei Jahren den Breitband-Ausbau in der Region. Fotos: pixabay, UR

Im LDS kommen jetzt Fördergelder
für den Ausbau des Funknetzes zum Einsatz

Man weiß, das Bermudadreieck liegt im Atlantik. Nördlich der Karibik, etwa zwischen Süd-Florida, Puerto Rico und Bermuda. Dieses Gebiet bekam infolge mehrerer dort tatsächlich oder vermeintlich stattgefundener Schiffs- und Flugzeugkatastrophen den mysteriösen Ruf, dort „verschwinden“ Schiffe und Flugzeuge. Bei Gräbendorf und Gussow und auch bei Senzig ist es ähnlich wie im Bermudadreieck. Zwar verschwinden hier keine Schiffe, aber beim Telefonieren mit dem Handy regelmäßig der Empfang. Kein Einzelfall in Brandenburg: 23237 solcher Funklöcher wurden gemeldet. Insgesamt 53 Städte und Gemeinden haben Probleme mit dem Mobilfunknetzempfang. Im Landkreis Dahme-Spreewald erfüllen mindestens acht Orte nicht einmal die Mindestanforderungen der Mobilfunkabdeckung.

Dass Deutschland ein Flickenteppich voller Funklöcher ist, weiß auch Wirtschaftsminister Peter Altmeyer. Er sagte kürzlich im Focus, sein Büro dürfe ihn im Auto nicht mehr mit ausländischen Ministerkollegen verbinden, weil ihm die Funk­löcher „total peinlich“ seien. Ihr dagegen ist nichts peinlich, aber sie selbst ist es: Anja Karliczek. Karliczek – wer? Nie gehört? Das ist unsere Bundesbildungsministerin und sie ist oder sollte für alles, was in unserem Land mit Bildung und Forschung zu tun hat, zuständig sein. Also auch für das Netz. Und seine Lücken. Doch die Frau Ministerin hält ein modernes flächendeckendes Handynetz für entbehrlich. Sie meint, es gäbe beim Ausbau des Mobilfunknetzes keinerlei Eile. „Ein 5G-Netz ist nicht an jeder Milchkanne notwendig“, ist sie überzeugt hat und damit die immer lauter werdenden Klagen über Funklöcher und langsame Handynetze abgewürgt. Obwohl oder vielleicht gerade, weil sie selbst vom Dorfe kommt. Sie müsste also im Regierungssbüro in Berlin wissen, dass man außerhalb des bestversorgten Regierungsnetzes Funklöcher hat, die in einem Flächenland wie Brandenburg schlimme Folgen haben können, wie der Fall eines Försters bei Fürstenberg im ­Dezember zeigte: Er musste schwer verletzt zwei Kilometer zurücklegen, um einen Notruf zu senden, weil er kein Handynetz hatte. Doch scheinbar sind die Erfahrungen aus dem wirklichen Leben mit denen im Bundestag zwei Seiten. Sonst wäre ihr klar, dass Brandenburg wie Deutschland bei der Funknetzabdeckung schlechter dasteht als manche Entwicklungsländer. Vielleicht sollte sie mal nach Russland fahren – frei nach dem alten Motto „Von Russland lernen, heißt fürs Internet zu lernen.“ Moskaus Stadtregierung will die Millionenstadt zur modernsten Metropole Europas mit Internet machen. Schon jetzt gibt es an fast allen öffentlichen Orten gratis WLAN – sogar in der Metro. In anderen russischen Großstädten und auch im Hinterland soll bald Internet mit Geschwindigkeiten von 100 Megabit pro Sekunde verfügbar sein. Selbst in Ländern wie Bulgarien und Rumänien sind Funklöcher selten. Vieler Orten in Bulgarien wird kostenloses und unbeschränktes WLAN angeboten. Oder auch in Mittelamerika. Der Autor sah in Costa Rica zwar keine Milchkannen, aber Palmen mit diesen „Free WLAN“- Schildern (siehe Foto) sogar am Rande des Regenwaldes. In einer Schule eines Indianerstammes gab es ein Modernes Internetkabinet. Aber die Regierung des mittelamerikanischen Staates überlässt auch nicht den Mobilfunkanbietern den Netzausbau, sondern ordnet ihn an. Dafür müsste bei uns die Bundesregierung mit den Ministern Altmeyer und Karliczek aktiver werden und die Netzbetreiber stärker in die Pflicht nehmen.

Lokale Politiker fordern schon lange mehr Engagement des Bundes, um Funklöcher zu schließen. Wenn der Staat Lizenzen und Frequenzen vergibt, verlangt er den Unternehmen nicht ab, dass sie an die Daseinsvorsorge im ländlichen Raum denken. Die Mobilfunkanbieter haben nur den eigenen reinen wirtschaftlichen Erfolg vor Augen. Es reicht auch nicht aus, wenn in einer Region ein einzelner Netzbetreiber aktiv ist. Weil Kunden und Nutzer von anderen Betreibern immer noch im Funkloch stecken, ist in schlechter versorgten Gegenden ein regionales Roaming oder noch besser ein nationales Roaming nötig. Damit man jederzeit ein beliebiges Funknetz nutzen kann – unabhängig vom eigenen Anbieter, so wie man das vom Ausland her kennt.

Die CDU in Brandenburg forderte, die Landesregierung müsse auch eigenes Geld in den Ausbau stecken. Andernfalls blieben wie bisher bis zu 30 Prozent des Landes unterversorgt. Die Linke schießt dagegen quer und lehnt eine öffentliche Finanzierung des Netzausbaus ab: Steuergelder dürften nicht privaten Konzernen gegeben werden, die damit die „Infrastruktur der Zukunft“ in Händen hielten. Stattdessen müsse über den Aufbau einer Netzinfrastrukturgesellschaft des Bundes nachgedacht werden. Während man sich im Lande streitet, hat sich der Landkreis Dahme-Spreewald um Fördergelder für den Breitbandausbau gekümmert. Bislang sind im Landkreis etwa 67 Prozent der Haushalte mit dem Funknetz gut erschlossen, nach Ende des nun anlaufenden Ausbauprogramms sollen es 95 Prozent sein. Damit wird LDS dann Vorreiter in Brandenburg sein. In den Dörfern, in denen die neue Technologie für einen Ausbau durch die Telekom bisher oft nicht wirtschaftlich gewesen ist, wird jetzt ein Programm des Landkreises wirksam, gab er bekannt. 18 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Die Planungen dafür laufen schon seit Jahren, ebenso die Abstimmungen mit Bürgermeistern und Ortsvorstehern. Koordiniert wird der Ausbau von der Wirtschaftsfördergesellschaft des Landkreises. Orte wie Senzig, Kolberg, Streganz, Telz oder Schenkendorf werden in den kommenden zwei Jahren einen Glasfaseranschluss und damit Internet-Raten von bis zu 250 Mbit bekommen.

Dafür müssen im LDS 330 Verteiler ausgetauscht oder neu gesetzt und über 300 Kilometer Glasfaserkabel angeschlossen werden. Grundsätzlich, so der Landkreis, soll sich fast jeder, der einen Anschluss mit weniger als 30 Mbit hat, Hoffnungen auf besseres Internet machen können. Das bedeutet aber nicht, dass alle Haushalte in den Orten auf dem gleichen Niveau versorgt werden. Es gäbe immer noch Härtefälle, bei denen ein Ausbau auch mit Fördergeld nicht möglich ist, sagt Gerhard Janßen, Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft in einem Zeitungsbeitrag. Problematisch sei es auch, dass innerhalb der Orte meist Kupferkabel mit einer recht hohen Verlustrate verlegt sind. Je dichter ein Haushalt am Verteiler, desto geringer der Verlust. Hier kommen bis zu 250 Mbit an, weiter entfernt weniger. Hier beträgt die Rate aber auch noch mindestens 50 Mbit.

Baubeginn soll in diesem Sommer sein. Erledigt sollen die Arbeiten Ende 2020 sein. Darüber sind nicht nur die privaten Nutzer froh, sondern auch 174 Unternehmen mit schwachem Netz wie das KieZ Frauensee und Campingplätze der Region. Das soll aber nicht das Ende der Erschließung sein. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft bereitet sich darauf vor, dass die Bundesregierung 2021 ein neues Förderprogramm auflegt. Damit die Internetflickenteppiche verschwinden. Was aber schon wieder an den Netzbetreibern scheitern kann: Die Bundesnetzagentur will die Frequenzen für den neuen 5G-Mobilfunkstandard am 19. März vergeben. Dagegen haben die Netzbetreiber geklagt. Hintergrund für deren Eilanträge ist das sogenannte lokale Roaming, welches Netzbetreiber dazu verpflichtet, ihre Netzinfrastruktur in Funklöchern auch für Konkurrenten zur Verfügung zu stellen. Sollte das Gericht den Anträgen zustimmen, würde sich die Auktion wohl auf unbestimmte Zeit verzögern.

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