Gates noch?

Es geht in diesen Tagen vielen so: Der dufte Kumpel von früher aus dem Sportstudio, der nette Nachbar, die freundliche Kollegin oder sogar der umgängliche Chef aus der Firma – bisher sozial nicht negativ auffällige Mitmenschen – haben sich in Verschwörungsideologen mit leichten Wahnvorstellungen verwandelt. Die einem, auch wenn man es nicht will, wütend und mantrahaft die „wahren Gründe“ hinter der Coronakrise enthüllen und dieses exklusive Wissen dann gern mittels obskurer Websites, Whats Apps, Videos oder „Experten“ -Interviews belegen.

Mit wirren Theorien, viel irren Meinungen und wenig Sachverstand reden zurzeit viele mehr oder weniger bekannte Köpfe oder sogenannte Künstler ziemlich beklopptes Zeug. Eine wachsende Schar von Verschwörungstheoretikern weiß von Meinungsdiktatur, gleichgeschalteter Presse oder dem Ende der Demokratie. Das Ganze ist wie eine Hydra: Bei der wachsen die angeschlagenen Köpfe nach, hier gebiert eine gelöschte Whats App-Nachricht zehn neue, immer krudere. Der Bauch regiert, der Geist hat Pause. Ich glaube, man kann sich in Coronazeiten den größten Blödsinn ausdenken und findet immer Leute, die ihn glauben. Oder glauben wollen. So, dass das Virus überhaupt nicht existiert, dieser Doc Drosten es sich nur ausgedacht hat. Die Fotos aus Norditalien von LKW-Kolonnen mit Särgen von Corona-Gestorbenen oder jetzt die mit mehr als 1000 Toten in Brasilien an einem Tage – alles nur Fakes. Kein Virus! Das scheint auch FDP-Chef Christian Lindner zu glauben. Er war jetzt in einem Berliner Nobelrestaurant mit dem Honorarkonsul von Weißrussland essen – dem Land, das das Coronavirus leugnet. Deren Diktator Maidemonstrationen befiehlt und gegen Pandemie empfiehlt, Wodka zu trinken, in die Sauna zu gehen und Traktor zu fahren. Folgerichtig, dass bei so viel Schutz der FDP-Chef zum Abschied den Mundschutz abnahm und den Konsul umarmte. Kritik allerorten, aber Lindner war ja wie manch andere FDPisten schon immer etwas speziell im Denken. Ob er mit dem Traktor vorfuhr, ist nicht belegt.

Andere warnen vor angeblichen Zwangsimpfungen, auch gegen Tetanus und Kinderlähmung, sehen im Mundschutz einen Maulkorb und verteufeln den Microsoft-Gründer Bill Gates und seine Impfstoff-Forschung. Gates sei nur ein getarnter Gutmensch und hat das Coronavirus am Computer selbst gebaut und dann die WHO aufgekauft. Warum? Um Knete zu machen. Er will uns allen Mikrochips einpflanzen, um die Weltbevölkerung auf höchstens 500 Millionen zu reduzieren und den Rest zwangsimpfen. In irgendwelchen Spritzen sind deshalb Mikrochips drin, die Gates zum digitalen Weltherrscher machen sollen. Deshalb solle man sich nicht gegen was auch immer impfen lassen. Merkel und die Pharma-Konzerne machen mit und werden von ihm über obskure Kanäle täglich instruiert.

Geht’s noch – oder besser: Gates noch? Leider gibt es gegen Dummheit noch keine Impfungen. Wie sagte einst Loriot: „In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten nach Schuldigen.“ Und überhaupt.