Nicht nur die Bäume schlagen aus

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Aber nicht nur die. In mancher Familie rutscht einem oder einer jetzt im Frust schneller mal die Hand aus. Und wie sagt schon eine Bauernregel: Streitet das Ehepaar im Mai, sind die Coronaeinschränkungen wohl noch nicht vorbei. Doch schon in der Bibel steht: Liebe Leute streitet euch nicht, spuckt euch lieber ins Gesicht. Sorry, war ein Scherz. Denn das geht gar nicht und erst Recht wegen Corona nicht. Aber es fällt schon auf: Die lieben Mitbürger sind aggressiver geworden. Auf der Straße, im Supermarkt oder eben beim Ehe-Partner. Die Polizeistatistiken sagen: Jetzt bei Corona hat die häusliche Gewalt zugenommen. In Berlin liegt seit dem 1. März die Zahl häuslicher Gewaltdelikte um zehn Prozent höher als im Vorjahr. Im gesamten Jahr 2019 wurden mehr als 15 600 Personen in Berlin Opfer derartiger Gewalt. In der Mehrzahl Frauen. Ganz schlimm sieht das in Russland aus. Hier sterben jedes Jahr durch Gewalt in den eigenen vier Wänden etwa 14 000 Frauen. Und 2000 Kinder. Die Täter? Die russischen Männer kippen ja gern mal kräftig einen – und erheben dann die Hand gegen Frauen, treten zu, töten. Aber nicht nur im Suff. Männer behandeln ihre Frauen in Russland oft wie ihr Eigentum. Staatlich sanktioniert. Da hilft es nicht, wenn sich die Frauen bei Ehegewalt an die Polizei wenden. Auf Hilfe können sie nicht hoffen. Es gibt keine gesetzliche Handhabe. Frauen zu schlagen, das ist bei den Russen schon seit jeher Sitte. „Bjot, snatschit ljubit“ – „Er schlägt dich, also liebt er dich.“ Mit diesem alten zynischen Spruch wachsen viele Russinnen auf. Auch in der russischen Politik ist die Auffassung verbreitet, dass ein paar Schläge nicht schaden, dass das nichts sei. 2017 wurde sogar ein neues Gesetz verabschiedet, das Gewalt in der Partnerschaft entkriminalisiert. Prügel und Schläge sind danach nur eine Ordnungswidrigkeit! Geahndet zum Beispiel mit Kopetschki, also Kopeken, kleinen Geldstrafen. Erst Wiederholungstäter müssen sich nach dem Strafrecht verantworten. Frauenrechtlerinnen wollen ein Gesetz gegen häusliche Gewalt wie in anderen Ländern. Doch gerade das macht sie bei ihren Kritikern zu „ausländischen Agentinnen“, die westliches Verderben bringen. Die russisch-orthodoxe Kirche schlägt in die selbe Kerbe. Ein hochrangiger Kirchenvertreter wetterte im Staatsfernsehen, ein Anti-Gewalt-Gesetz werde das Familienleben zur Hölle machen. Der Familienvater warnte vor einem Untergang Russlands, wenn etwa Frauen und Kinder nicht mehr gezüchtigt werden können, damit sie spuren. Häusliche Gewalt gegen Frauen ist auch von Frauen akzeptiert. Die in Russland beliebte 29-jährige Sängerin und TV-Moderatorin Regina Todorenko – immerhin „Frau des Jahres“ 2019 – meinte kürzlich, Frauen seien vor allem selbst schuld daran, wenn sie von ihren Männern geschlagen würden: „Irgendwann sollte doch ein kritischer Punkt kommen, um zu fragen: Warum tut er das?“ Weil es so Sitte ist! Unterstützt vom immer mehr wachsenden Einfluss der Kirche auf gesellschaftspolitische Entscheidungen im Russenland. Und weil die Russen das, was die Kirche sagt, als Heilslehre betrachten. Kirchenvertreter meinten zu den Todorenko-Äußerungen, Frauen müssten zur Konfliktvermeidung in einer Beziehung gehorsam sein. So sollten sie damit aufhören, ihre Männer zu tadeln oder kritische Bemerkungen zu machen, sagte Bischof Panteleimon. Frauen sollten sich selbst beobachten und „kleine Strafen“ gegen sich selbst verhängen: Als Buße zum Beispiel etwa sich zehn Mal vor dem Mann verneigen, einen Tag lang auf Schokolade oder auf das Internet verzichten.

Beklopptheit im Namen der Kirche. Und überhaupt.