Sehr gern? Genau!

Ach nö, nicht doch: In letzter Zeit zunehmend ­bissige Politikkommentare statt wie bisher launig-­kritischer „Ange(Mark)t“ von Mark Brandenburger! So schrieben mir mehrere Leser. Ich solle doch mal wieder was Humoristisches schreiben. Na, sehr gern! Womit ich bei einem Thema bin, das mir schon lange auf der Schreibseele lastet und auf der Computertastatur liegt: Dieses wortgebrauchs­inflationäre „sehr gern“. Überall und zu jeder unpassen­den Gelegenheit: Nur noch „sehr gern.“ Sagten wir früher „danke“ zu einem Gesprächspartner, kam ein „bitte“ zurück – ohne dass der uns mit diesem „sehr gern“ zuschüttete. Ich habe kürzlich mal jemandem erwidert, der auf „sehr gern“ fokussiert war: „Sie mich schon lange!“ Und was sagte der wie auf Knopfdruck? „Sehr gern“. Genau. Auch so ein schlimmes Vereinfachungs-Wort. Man antwortet jetzt nicht mehr „richtig, so ist es, du hast recht, stimmt“ – sondern nur noch: „Genau“. Das „au“ dabei stöhnend langgezogen: ­Genaauu! Und bei Problemchen: „Aalles gut!“ Auch wenn es das nicht ist. Manche dieser sprachlichen Versatzstücke haben inzwischen auch schon eine Bedeutungsumkehr erlebt. War früher alles super oder toll, bedeutet heute „na super“ oder „na toll“, dass man das gerade nicht so empfindet. Genauso wie das allgegenwärtige „fuck“ als Zustimmung wie als Ablehnung. Ebenso wie „Porno“, „pervers“ oder „geil“ heute nicht mehr sexuell gemeint ist, sondern einfach nur sinnentleerte Worte sind. Mir fallen noch viele dieser wortsprachlichen Blödsinnigkeiten ein, die wir „unter der Woche“ gedankenleer rausblasen. Wie, dass ein Essen nicht nur einfach schmeckt, sondern „lecker“ ist. Oder „echt lecker“. Allet lekka, sagt der Brandenburger. „Aber so was von!“, wie meine Kollegin Manuela jeden dritten Satz bestätigt. „Von was“, wie viele jetzt sagen. Will heißen: Wovon? Sind wir so Sprach(e)-los? Der Wortschatz der deutschen Standardsprache umfasst rund 75000 Wörter, die Gesamtgröße wird auf 300000 bis 500000 Wörter bzw. Wort­formen geschätzt. 10000 Wörter bilden den aktiven Wortbestand eines Deutschen mit einem höheren Bildungsabschluss. Was aber bei Abiturienten auch oft zweifelhaft scheint. 5000 (!) Wörter entsprachen vor Jahren dem aktiven Vokabular eines normal­deutschen Muttersprachlers. Wie viele heute? Rund 750 Wörter werden nur noch täglich von den meisten in der Alltagskommunikation verwendet oder ihre Bedeutung ist „den Usern“ vertraut. „Nicht wirklich“. Whats App, Unterschichtenfernsehen und Viergroßbuchstaben-­Zeitungen lassen grüßen. Deutschland verblödet. Doch. „In echt“ bzw. es ist so. Denken Sie doch mal darüber nach. Vielleicht „an Weihnachten“. „Alles klar?“-„Ok, ok!“ Eine Leserin schrieb mir neulich, sie bedanke sich für meine „Ange(Mark)t“-Beiträge. Ich sage nur: „Da nicht für“. Nein, habe ich natürlich nicht gesagt. Ich sagte: Danke, ist mir ein Vergnügen. Oder hätte ich wie alle sagen müssen: „Sehr gern“? Also: „Von daher“ Ihnen allen „letztendlich“ oder ­„schlussendlich“ dann „einen schönen Tag noch“. „Immer wieder gerne“. Und überhaupt.

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