Stumpfe Spitzen

Der politische Aschermittwochvorabend in KW – seit nunmehr sechs Jahren zelebriert – ist auch nicht mehr das, was er mal war: Eine Gelegenheit nämlich,  sich politisch mal auf die Nase zu hauen. Das passierte in den ersten Jahren auch. Diesjahr nun stupste man sich meist nur Wattebällchen auf die Nase. So, als wenn sich Guido, die Westerwelle, mit seinen Freunden zankt. Unserem Draußenminister, der von sich im Westerwelle-Englisch überzeugt ist: „ No one can reach me the water!“
Er war zwar beim KWer Abend nicht dabei, aber allgegenwärtig, denn kaum einer der Redner kam an den Sozialstaats-Plattitüden des selbsternannten Rächers der Vererbenden und seiner blaugelben Epigonen vorbei. Also gab es Witze wie diesen: „In den Krankenhäusern werden bei den vielen Knochenbrüchen diesen Winter die Metallplatten knapp. Deswegen könnte man Hartz-IV-Empfängern, die Edelmetall im Körper haben, als Ausgleich die Leistungen kürzen – um den Gips zu bezahlen.“ Und; „Yes, we can – nur einer nicht. Oder eine?“
Ansonsten kitzelten sich die Parteien zur Erheiterung der leider recht wenigen Zuhörer mit einem Federchen. Wie auch anders, sind sie doch – bis auf die Opposition – im Stadtparlament in einer Jamaika-Ampel plus Zusatzfarbe vereint. Und da geigt man sich nicht öffentlich die Meinung, obwohl es Not täte und es so manchen juckte. Raimund Tomczak zum Beispiel, den FDP-Landtagsabgeordneten. Er geigte nicht, er klampfte. „Ran, ran, ran, Bürgermeister, du bist dran“, sang er. „Du hast uns soviel versprochen, pack es an!“ Bürgermeister Lutz Franzke konnte nicht parieren, er ließ sich vertreten. Jungsozi Ludwig Scheetz – forsch wie die Parteijugend nun mal ist – bemaulte dann im Liede auch „Bürgermeister, hast zum Streit keine Zeit.“ In einem anderen Lied bespielte Tomczak den glücklichen Stadtkämmerer, der sich die Hände reibt, wenn bei der bevorstehenden Sperrung der Bahnlinie täglich Tausende Pendler mit ihrem Auto die Stadt zu- und vor allem falsch parken. „So kann man auch Haushaltslöcher stopfen“. Die Stadt freue sich auch über Bußgelder von Bürgern, die ihrer Räumpflicht nicht nachkämen, so Tomczak weiter. „So mancher Fußgänger fällt deshalb bei Eis auf die Schnauze.“
Klaus Schneider (CDU) zitierte aus einem Lexikon von Königs Wusterhausen. Beim Buchstaben „P“ zum Beispiel sagte er: „Wenn man Philister und Propheten mischt, dann entsteht der Runde Tisch.“ Bei „F“ wie Funkerberg stellte er seine Zukunftsvision des historischen Hügels vor. Schneider meinte, dass hier am besten eine Kneipe entstehen müsse. Und am Stammtisch dann „echte Demokratie gelebt werde“. Das fehle in der Stadt.
Bürgermeister a. D.  – noch ein Bürgermeister „a.D.“! – Stefan Ludwig  von den Linken, nunmehr im Landtag, erzählte von den guten Aussichten für die rot-rote Landesregierung nach der kürzlichen Stasi-Debatte. „Nach dem suboptimalen Start kann es gar nicht mehr schlechter werden“, sagte der Landtagsabgeordnete selbstironisch. Ludwig bescheinigte seinem Nachfolger in der Stadt eine „bedeutende Erfolgsserie seit der Wahl“ und musste lachen. Er bekam den größten Beifall von allen Rednern  für seine witzigen Erkenntnisse. Ist das nicht toll, so einige aus dem Publikum, wie witzig und schlagfertig der Herr Ludwig sein kann – das hat man früher gar nicht so recht mitbekommen. Einen guten Rat hatte Ludwig noch für die Wildauer Nachbarn. „Kommt zu uns, bevor wir zu euch kommen“, rief er ins Publikum. Er knüpfte daran an, was Organisator Georg Dinter vom katholischen Jugendklub Profete schon zur Sprache gebracht hatte: Er verkündete, ihm sei eine CD mit sensiblen Daten über KWer zugespielt worden. Von KWern, die beim Einkaufen fremd gegangen sind. „Es handelt sich dabei um Kunden des A10-Centers in Wildau“, erklärte Dinter. Und sprach über den  langjährigen heimlichen Wunsch von KWer Stadtpolitikern, das reiche Wildau einzugemeinden.
Der Rest des ausdrücklich als  politisch deklarierten  Aschermittwochvorabends waren seichte Späßchen mit einem „tätätätätätä“- Nachklang. Es fehlten brisante Büttenbeiträge. Aber wie einstens vor der Blende: die Parteidisziplin, die Parteidisziplin…
Außerdem hatten die Parteien zum Teil ihre junge oder 2.Garde geschickt, die noch kein Wortgefechtsschwert besitzt. Viele Zuhörer hätten sich einen Bundestagsabgeordneten Dr. Danckert hergewünscht, um mit ihm in der Bütt zum Beispiel über das vor der Pleite stehende Uckley aneinander zu geraten.  Obwohl das Thema nicht zum Lachen ist. Oder mit dem SPD-General Ness zu fechten, der mit Mandat aus KW im Landtag sitzt, aber sonst meist nur mit Verlautbarungen präsent ist. Für richtige politische Spitzen müssen künftig wieder die politischen Spitzen in die Bütt!
Zum Schluss sollten die Redner einen provisorisch errichteten Funkerberg mit bunten Legosteinen bebauen. Der Funkerberg der Grünen soll ein Naturlehrpfad werden. Der Linke machte das, wogegen er immer war: Er baute eine Schwimmhalle. Mit rotem Dach. Der SPD-Genosse verwirklichte seinen Traum vom Kulturzentrum. Der FDP-Mann baute einen großen blaugelben Turm, auf dem ein Mittelständler thront. Und musste sich fragen lassen, ob dafür denn – wie in der FDP üblich –  Spendengelder nötig seien.
Tätätätätätä. Und überhaupt.

Mark Brandenburger
PS.: Es wurde noch gespendet. Beifall.

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