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Dienstag, Februar 27, 2024
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Verwahrt statt betreut

Fachkräftemangel in Kitas gefährdet kindgerechte Betreuung in Brandenburg

Meine Nachbarskinder in Zeesen waren dieser Tage nur vormittags in der Kita. Auch Streik dort, fragte ich die Eltern. „Nö, keine Erzieher“. Es gibt jetzt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Darin steht nichts Neues, sondern was alle wissen: In Brandenburg wie in Berlin gefährdet vor allem die geringe Zahl an Fachkräften eine kindgerechte Betreuung.

Rund 6.600 zusätzliche Kita-Plätze werden in Brandenburg gebraucht. Real sind es aber 6.700. Da helfen auch Riesenkitas mit über 500 Plätzen wie in Schönefeld nicht, weil durch den Erziehermangel die Plätze nicht belegt werden können. Zudem: Die Plätze sind das eine, eine gute Betreuung durch ausreichend Erzieher das andere. In Brandenburg werden derzeit deutlich mehr Kinder in Kitas und Krippen betreut als im Bundesdurchschnitt. 57 Prozent (Bundesdurchschnitt: 36 Prozent) der Unter-Dreijährigen und 94 Prozent der Über-Dreijährigen besuchen in Brandenburg eine Kita oder Krippe. Und die klagen über fehlendes Personal. In den allermeisten Fällen sind die Gruppen zu groß. In den Krippen ist eine Fachkraft in der Regel für fünf Kinder verantwortlich. In Westdeutschland dagegen nur für 3,4 Kinder. Die Quote der in einer Kita oder Krippe betreuten Kinder liegt in Brandenburg mit 57 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt (36 Prozent). Zum Stichtag 1. September 2023 gab es im Landkreis Dahme-Spreewald insgesamt 136 Kindertagesstätten, die Platz für maximal 16.946 Kinder bieten. Vom 1. September 2022 bis 1. September 2023 gab es einen Zuwachs von 528 Kita-Plätzen.

Der sogenannte Betreuungsschlüssel in Kitas Brandenburgs liegt laut Studie bei einem Verhältnis von 1 zu 9,4 ebenfalls höher als der empfohlene Wert von 1 zu 7,5 (Erzieher/Erzieherinnen: Kind). Das bedeutet, dass die Kitas in Brandenburg aktuell ihren Bildungsauftrag für die Mehrheit der Kinder nicht erfüllen können. Vor allem für die Allerjüngsten sind zu wenige Fachkräfte an Bord, heißt es in dem Papier. Eine Erzieherin ist rechnerisch für mehr als fünf Kleinkinder zuständig, statt wie wissenschaftlich empfohlen nur für drei. Weil darüber hinaus, etwa wegen Urlaubs- und Krankheitstagen im Kita-Alltag, Erzieherinnen und Erzieher fehlen, ist eine Fachkraft de facto sogar mit fast acht Kleinkindern befasst. Der Personalschlüssel fällt noch schlechter aus, wenn die Zeiten für Vor- und Nachbereitung hinzugerechnet werden. So gleicht der Alltag in einer Kita oft nur Verwahrung. Mehr als die Hälfte aller Eltern kann sich aktuell nicht mehr darauf verlassen, dass ihre Kleinen tatsächlich pädagogisch betreut werden. In einem Großteil der Kitas kann der Betrieb nur notdürftig aufrechterhalten werden, oder fällt ganz aus – siehe Anfang des Beitrags. Das setzt die Eltern unter Druck; viele müssen Urlaub nehmen oder unbezahlte Freistellung, um für ihr Kind da zu sein. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit, weil die Kleinen sonst nicht betreut werden. Bürokratische Hindernisse erschweren die Arbeit der Erzieher. Viele Kitas müssen früher schließen oder haben tageweise zu. Fachkräfte fehlen auch, wie auch in der Pflege, in den Schulen und in den LDS-Kitas. Was nach Einschätzung von Kita­kräften durch die ausufernde Bürokratie noch verstärkt wird. Wenn z. B. ein Kind in seiner altersgerechten Entwicklung hinter anderen zurückbleibt, braucht es da ellenlange Beurteilungen – oder das Gespräch mit den Eltern, wie man dem Kind helfen kann. Ein Problem ist die geringe Bezahlung und zu viele Teilzeit- und befristete Verträge. Das Einstiegsgehalt für Erzieherinnen stieg zwar in den vergangenen zehn Jahren von 2.000 auf 2.800 Euro. Aber noch immer erhalten gerade Berufsanfänger befristete Arbeitsverträge, und 60 Prozent arbeiten in Teilzeit. Doch eine höhere Bezahlung reicht nicht, um den Beruf attraktiver zu machen. Es fehlt den Kitaerzieherinnen und -erziehern an Zeit, denn Teamsitzungen und Elterngespräche sind vor- und nachzubereiten, Krankheiten müssten ohne Druck vom Arbeitgeber zu Hause auskuriert werden können. Auf den zusätzlichen Bedarf an Fachkräften hat das Oberstufenzentrum Dahme-Spreewald (OSZ) mit zusätzlichen Ausbildungsplätzen bereits reagiert. Mit Beginn des Schuljahres 2023/2024 konnten in der Erzieherausbildung in diesem Schuljahr 27 Schülerinnen und Schüler in Vollzeit und 41 in Teilzeit starten. Insgesamt lernen am OSZ Dahme-Spreewald damit 143 Schülerinnen und Schüler mit dem Ausbildungsziel „Staatlich anerkannter Erzieher bzw. Erzieherin“. Die Elternbeiträge für Kindertagesbetreuung werden in Brandenburg abgeschafft. Das hat der Landtag beschlossen. Laut des Gesetzes entfallen ab August 2024 die Beiträge für alle Drei- bis Sechsjährigen in Kitas und Tagespflege. Bereits ab August dieses Jahres wurde das vorletzte Kita-Jahr vor der Einschulung beitragsfrei. Für das letzte Kita-Jahr vor der Einschulung werden bereits seit 2018 keine Elternbeiträge mehr erhoben. Ab August 2024 sind dann alle drei Kita-Jahre beitragsfrei. Das ist ein reines Wahlkampfgeschenk der Regierung gewesen.

Im neuen Brandenburger Gesetz ist außerdem vorgesehen, dass ab 2025 mehr Personal in den Krippen für Kinder bis zu drei Jahren eingesetzt werden soll – weshalb erst jetzt? Vorausgesetzt, dieses Personal ist auf dem Arbeitsmarkt überhaupt verfügbar. Dann soll eine Erzieherin nicht mehr wie derzeit rechnerisch 4,65 Kinder, sondern nur noch 4 Kinder betreuen. Die rot-schwarz-grüne Landesregierung in Brandenburg will die Betreuung kleiner Kinder spürbar verbessern. Die Eltern sollen schrittweise von den Kita-Beiträgen entlastet werden. Aktuell unterscheiden sich die Kita-Beiträge unter anderem noch je nach Einkommen und Umfang der Betreuung.

Wenn das nicht Zweckoptimismus ist: Die Studie sieht gute Chancen, dass es in Brandenburg bis 2030 besser wird und die empfohlenen Personalschlüssel umgesetzt werden können. Ein Grund sind die bis dahin sinkenden Kinderzahlen. Außerdem müssten allerdings rund 1.100 Fachkräfte neu für die Kitas gewonnen und die Erzieherinnen und Erzieher von nicht-pädagogischen Aufgaben entlastet werden – beispielsweise in den Bereichen Hauswirtschaft und Verwaltung. Die berichten allerdings, dass nicht-pädagogische Aufgaben immer mehr zunehmen. Eine weitere Möglichkeit, um bessere Betreuungsschlüssel zu erreichen, sieht die Studie in verkürzten Kita-Öffnungszeiten – sieben Stunden schlagen sie vor. Vorgeschlagen wird auch, dass „Arbeitgeber die Arbeitszeiten von Eltern stärker an die Öffnungszeiten von Kitas anpassen“ müssten. Ein völlig unrealistisches Wunschdenken, wie es auch Elternverbände, Arbeitnehmervertreter und Kita-Träger sehen – schließlich seien viele Eltern auf entsprechende Betreuungszeiten angewiesen. Auch Fachkräfte in Vollzeit müssten auf ihre Stunden und damit auf ein bestimmtes Gehalt kommen können. Die Bertelsmann-Studie appelliert an die Politik, mehr Fachkräfte in die Kitas zu holen, etwa indem alle Erzieherinnenausbildungs-Absolventinnen auch eingestellt werden und dazu Quereinsteigerinnen. Weshalb aber eine Ausbildung so bürokratisch abläuft und bis zu fünf Jahre dauert, erschließt sich nicht. Nach fünf Jahren sind viele Ausbildungsinhalte schon wieder überholt.

„Ziel ist es, jedem Kind im Landkreis einen Kita-Platz zur Verfügung stellen zu können“, so Landrat Stephan Loge. Dazu bedarf es noch einiges. Eine Reform des Kitarechts, die eigentlich bis Anfang 2023 geplant war, liegt aber auf Eis.

UR / Foto: envato

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