Vorbei mit Wahnsinn

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Nein, es gab kein Feuer­werk, keine „Wahnsinn, Wahn­sinn!“-Rufe. Die Euphorie des Herbstes vor 33 Jahren ist vorbei. Der Jahrestag des Mauerfalls letzte Woche fand keine große Beachtung in der Öffentlichkeit. Die ARD verunstaltete zwar eine Themenwoche, und suchte, was uns zusammenhält. Der Kabarettist Dieter Nuhr fand nur kurz und knapp: „nix“: Der Staat nicht, die Religion nicht – nicht mal die Familie. Dass die trennende Grenze weg ist, daran haben wir uns gewöhnt. Dass wir nun die Freiheit haben, zu reisen, wohin wir wollen, wenn wir das nötige Kleingeld haben und dass wir über das meiste reden und kreuz und quer denken können. Dabei fällt uns gar nicht mehr auf, dass Begriffe von damals aus unserem Sprachtäschel verschwunden sind. Wie der verbale Sozialismus, der einst unser Leben als Ostdeutsche prägte, uns eingemauert hat. Und permanent siegte und siechte. Bis er dahingesiecht war. Alles wurde anders. Viele Ostdeutsche mussten nun „Westdeutsch“ wie eine Fremdsprache lernen. Dass ein Kollektiv nun ein Team zu sein hat, eine Kaderakte zur Personalakte wurde, Kinder zu Kids mutierten, aus einem Kindergarten nun Kita wurde, ein Kombinat zu einem Konzern. Aber klingt Altenheim jetzt – besser wie in Bestensee zu lesen ist – als Feierabendheim? Es gibt auch Wörter, die gleich waren, aber eine ganz andere Bedeutung hatten wie Bewusstsein oder Freiheit. Und während der Westmensch immer „ich“ sagt und das auch so meint, sich in den Mittelpunkt stellt, sich als Besserwessi aufspielt, hatte der Ostdeutsche damals Komplexe. Die versteckte er hinter dem „wir“. Aber nun auch nicht mehr, sondern er ist auch ein „Ich“-Mensch geworden. Der seine Ellenbogen einsetzt und auch keine Verwandten kennt, wenn es um seinen persönlichen Vorteil geht. Der Ostmensch musste mit den Jahren lernen, dass es wichtig ist, um alles viel zu reden und dass viel Schaum geschlagen wird – gerade auch, wenn man nichts zu sagen hat. Aber viele aus der Ehe­maligen sind heute auch Meister im Phrasendreschen und Selbstdarsteller. Sei es rum wie num: eine Human Rest-­Location ist auch nichts anders als ein Klo, ein Juiceshop ein Saftladen. Wahnsinn. Was uns in der Politik von einigen Knallköppen verkauft wird, ist oft einfach nur heiße Luft und aldig, also ziemlich billig. Und darüber kann nun keiner wirklich in Euphorie ausbrechen.

Und überhaupt.