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Montag, Februar 26, 2024
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Wo ist der KaWe Kurier?

Kurze Geschichte, wie es dazu kam, dass die Kablower Schriftstellerin und Ortschronistin Renate Wullstein neuerdings Zeitungen austeilt

Eines Tages Ende Oktober stellen wir in der Nachbarschaft fest, dass der Kurier nicht mehr geliefert wird. Seit wann? Alle denken nach. ‚Schon Monate nicht mehr‘- Einer sagt: ‚Gibt‘s den überhaupt noch?‘ Unsere Nachbarschaft, das sind Kablowerinnen und ­Kablower in den Straßen Am Krüpelsee und Fontanestraße. Vielleicht betrifft der ‚Schaden‘ nur uns hier in der Ecke, wir müssen nachforschen. Natürlich wissen wir, dass es keinen Anspruch auf eine kostenlose Zeitung gibt, aber wie würde es ein Sänger ­sagen: „Du fehlst“.

B. im Dorf bestätigt: ‚Kein Kurier seit langer Zeit.

M. im Dorf wird konkret. Sie harkt Laub und sagt: ‚Seit einem Jahr gibt es den Kurier nicht mehr.‘

Ach! Jetzt wird klar, wir sollten handeln. Ich stelle mich zur Verfügung, der Sache auf den Grund zu gehen. Als Dorfchronistin bin ich schon aus beruflichen Gründen an dieser Zeitung interessiert (komisch nur, dass das Fehlen mir erst jetzt aufgefallen ist). Ich rufe an. ‚Renate Wullstein, Kablow. Wir vermissen den Kurier.‘ Bei der Redaktion in KW ist man der Meinung, er würde in unserem Dorf verteilt. Aber. ‚Rufen Sie doch mal bei der Verteiler Agentur an. Die Nummer steht in der Anzeige im KaWe Kurier auf Seite sechs.‘ (Witzig!). Aber stimmt, ich kann ja im Internet die Online-Ausgabe öffnen. Ich rufe an. Anrufbeantworter. Gut. Früh um acht würde ich mein Büro auch nicht ohne Not öffnen. Ich spreche mein Anliegen auf und biete an, zur Not selbst die Zeitung auszutragen. Wenige Minuten später: Ach du grüne Neune, was habe ich getan? Ich? Zeitungen austragen? Im ganzen Dorf? Abwarten, kann ja immer noch sagen, ich hätte mich versprochen.

Rückruf. Chefin am Apparat: „Eigentlich wird die Zeitung verteilt. Allerdings von einer Berliner Firma. Schwer nachprüfbar. Mir ist sowieso lieber, wenn das von Ortsansässigen gemacht wird. Sind Sie aus Kablow? Sie haben angeboten…ich würde gern…“ usw usw usw

Jetz ha‘m wir den Salat. Zur Probe mach ich das mal nächste Woche, also ab November.

Die Modalitäten: Es gibt Mindestlohn, 3,5 h pro Woche werden bezahlt. Geht klar. Das Geld ist nicht mein Motiv; für umsonst würde ich es aber auch nicht machen. Eine der wichtigsten Motivationen fällt mir sofort ein: Sport. Mein Beruf bedeutet vorwiegend sitzende Tätigkeit. Das heißt, ich bewege mich viel zu wenig, im Winter vielleicht gar nicht mehr. Schonmal ein dickes Argument. Bezahltes Wandern. Außerdem Kontakt mit den Einwohnenden und Material sammeln für die nächste Ausgabe der Chronik. Zum Verteilen habe ich den jeweiligen Mittwoch und Donnerstag. Früher als Leistungsschwimmerin war ich auf die Kurzstrecke spezialisiert, das Prinzip habe ich beibehalten. Für die Zeitung bedeutet das: Eine Stunde verteilen, eine Stunde Pause. Dreimal am Mittwoch und dreimal am Donnerstag. Wahrscheinlich schafft man das Pensum auch in dreieinhalb Stunden am Stück, allerdings wäre mir das als Langstrecke zu anstrengend. Es ist ruhig auf Kablows Straßen. Trotzdem ergeben sich Gespräche. Allgemein große Freude: Es gibt ihn wieder, den KaWe Kurier. In den Vorgarten in der Mühlenstraße kommt eine ältere Frau um die Ecke. ‚Geben Sie mir den Kurier gleich so‘. Mit geübtem Auge erkenne ich, dass die Dame nicht richtig von hier ist, interessante Kleidung, ihr Alter schwer zu schätzen, auf jeden Fall über 80. Sie wohne erst seit drei Jahren im Dorf und komme aus dem Ahrtal. 2021 lag sie im Krankenhaus, hatte in den Nachrichten von der Jahrhundertflut gehört, wollte nach Hause und man sagte ihr: ‚Bleiben Sie erstmal hier, Ihr Haus gibt es nicht mehr.‘

Ich möchte mir das gar nicht vorstellen, bin schockiert. Wie aber kam sie ausgerechnet nach Kablow? Diese Geschichte würde wohl den Rahmen sprengen, bewahre ich für die Chronik. Kurz und gut, seit drei Wochen bestücke ich etwa 400 Briefkästen, lerne neue Ecken kennen, rede mit Leuten, bestaune die individuellen liebevoll hergerichteten bepflanzten und bestückten Gärten und Höfe. Zuvor hatte ich noch leichte Sorge, was werden die Kablower über mich denken? ‚Unsere Schriftstellerin ist soo arm, die muss Zeitungen austragen.“ Auch Conni in unserer Straße staunt. Ich sage ihr: „Du gehst mit dem Hund, ich gehe mit den Zeitungen.“

Das wichtigste zum Schluss. Wer Zeit hat und sich für bezahltes Laufen begeistern kann, Rentnerin, Schüler oder arbeitssuchend. Langfristig könnte ich mir Unterstützung vorstellen. In Zernsdorf ist der Job auch noch frei und andernorts im Ländle Königs Wusterhausen.

Renate Wullstein

Kontakt: E-Mail:

renate.wullstein@freenet.de

Die Autorin finden Sie auch auf facebook und youtube

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