Zu kleine Schuhe für einen Riesen?

Der Schriftzug des Branchenriesen prangt schon am neuen Kiekebuscher Sortierzentrum. Noch buddeln die Bagger, aber schon in diesem Herbst sollen die ersten LKW rollen. Fotos: T. Müller

Amazon wird demnächst sein neues Logistikzentrum in Kiekebusch eröffnen,
doch eine Verkehrsstrategie ist nicht in Sicht

Es brennt schon Licht bei Amazon gleich nebenan von Kiekebusch. Oder anders herum gesagt – wenn sich längst der Abend über die Felder rund um das 200-Seelen-Dörfchen gelegt hat, dann strahlt die große neue Logistikhalle am Ortseingang sichtbar in die Nacht. Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass es im künftigen Verteilzentrum des Online-Händlers mit Sieben-Meilen-Schritten auf die baldige Inbetriebnahme zugeht. Bereits im Oktober soll es losgehen mit der Paketsortierung in der rund 34000 Quadratmeter großen Halle.

Das Frohlocken über neue Arbeitsplätze – bis zum Jahresende sollen die ersten 100 Mitarbeiter vor Ort sein, insgesamt ist die Rede von bis zu 800 Stellen – wird längst auch von der Sorge begleitet, dass die Region verkehrstechnisch auf das gern als Branchenriese bezeichnete Unternehmen nicht vorbereitet ist. Zwar steht mittlerweile die Zusage des Bundes, eine neue, rund zehn Millionen Euro teure Autobahnauffahrt an der A113 fast komplett zu finanzieren. Zwar hat auch die Gemeinde Schönefeld versprochen, das Land Brandenburg bei der Planung tatkräftig zu unterstützen. Doch der von der Landesregierung angekündigte Zeitplan, dass der Kiekebuscher Anschluss frühestens in neun Jahren fertig sein könne, lässt in den Rathäusern der umliegenden Gemeinden und bei den Fraktionen von Kreis- und Kommunalparlamenten die Alarmglocken schrillen.

So wurde denn auch in der jüngsten Kreistagssitzung ein von CDU, FDP und Bauernpartei eingebrachter Antrag angenommen, wonach sich der Landkreis bei der Landesregierung für eine Beschleunigung des Verfahrens und eine schnellere Anbindung des Gewerbegebiets an die Bundesautobahn einsetzen soll. Auch die Linken-Fraktion schloss sich diesem Anliegen an, um – wie sie betont – die Verhandlungsposition des Landrats zu stärken. In der Kreisverwaltung teilt man durchaus die Sorgen der Politiker und Anwohner und versteht den Beschluss als ein „politisches Signal“. Was man aber angesichts von Bundes- und Landeszuständigkeiten konkret bewirken kann, dazu fehlt bislang eine Idee.

Zuvor hatte schon Königs Wusterhausens Bürgermeister Swen Ennullat in einem offenen Brief an Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke zur Verkehrssituation rund um das Schönefelder Kreuz eine Fertigstellung dieser Autobahnabfahrt in frühestens neun Jahren als „inakzeptabel“ bezeichnet. „Die neusten Veröffentlichungen zu einem der zentralsten Verkehrsprojekte, der Autobahnabfahrt Kiekebusch zur Anbindung des neuen Logistiklagers von Amazon, nehmen den Bürgerinnen und Bürgern das verbliebene Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Behörden“, hatte er erklärt. Ein Denken in Dekaden zur Umsetzung von Straßenbaumaßnahmen sei den Betroffenen schlichtweg nicht vermittelbar und werde als Versagen der Politik betrachtet. „Insoweit ergeht an Sie die Bitte, sich persönlich für eine Beschleunigung dieses konkreten Bauvorhabens einzusetzen oder schnellstmöglich wirksame Alternativen zu schaffen“, so Königs Wusterhausens Verwaltungschef, der zugleich die Dimension der Entwicklungen im Kiekebuscher Gewerbegebiet mit großer Skepsis betrachtet. „Sollte das Vorhaben in dieser Form umgesetzt werden, droht der Verkehrskollaps“, so Swen Ennullat. Er freue sich zwar, dass die Region wirtschaftlich gestärkt wird und Arbeitsplätze entstehen sollen. „Aber man muss diese Entwicklung im Ganzen planen und dazu gehört auch die Infrastruktur. Hier ist das Land in der Pflicht.“

Fakt ist, dass es auf dem Kiekebuscher Gewerbefeld – dem sogenannten LOG Park Berlin Schönefeld – nicht allein bei der Amazon-Ansiedlung bleiben wird. Das Joint Venture von May & Co. und Pflugfelder will dort am Schnittpunkt der Autobahn A113 und der L402 Logistikflächen von rund 130000 Quadratmetern entwickeln. Die Pläne sehen auf einer Grundstücksgröße von insgesamt 370000 Quadratmetern vier Hallen in der Dimension des Amazon-Standortes vor, die eine Rund-um-die Uhr-Nutzung erlauben sollen. Dabei setzt man auf die Nähe zum Flughafen BER. Die nächsten Autobahnanschlüsse befinden sich derzeit rund 3,5 Kilometer entfernt an der A113 im jetzt schon überlasteten Waltersdorf und in nördlicher Richtung an der A10. Bis zur ebenfalls stark frequentierten Auffahrt Königs Wusterhausen am A 10 Center sind es 4,5 Kilometer. Allein für Amazon, das in Kiekebusch seine Warenströme aus Europa auf Berlin und das Umland verteilen will, wird bei voller Auslastung mit einem täglichen Verkehr von 1000 LKW gerechnet.

Die Erschließungsmaßnahmen für die weiteren Gewerbefelder sollen in diesem Herbst abgeschlossen werden. Der Investor hat schon darüber informiert, dass mit weiteren potentiellen Mietern Verhandlungen laufen.

TM